szene:
Es ist echt kalt draußen“, sage ich. „Wollen wir das Spiel nicht lieber im Parkeck schauen?“ „Früher sind wir bei jedem Wetter ins Stadion“, sagt Carsten. „Früher begann der Tag auch mit einer Schusswunde“, sage ich. „Mich von den Füßen aufwärts durchfrosten zu lassen, klingt nicht so verlockend.“
„Ich besorge uns beheizte Sohlen.“ „Das ist natürlich ein Gamechanger.“ Am Samstag sitzen wir auf den Stufen der Gegengeraden. Wir ziehen unsere Schuhe aus und ich bewundere mal wieder die eine weiße und die eine rote Socke, die Carsten bei jedem Union-Berlin-Spiel trägt. Dann legen wir feierlich die Sohlen ein.
„Die Heizung aktiviert sich bei Druck und Bewegung“, sagt Carsten mit Atemwölkchen vor dem Mund. Er klatscht in die Hände. „Beheizte Sohlen, beheizter Rasen, aufgeheizte Atmosphäre. I‘m ready.“ Als die Waldseite „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken, wir durchbrechen alle Schranken“ intoniert und dabei auf und ab hüpft, ist Carsten sofort mit dabei.
„Puh“, sagt er plötzlich. „Was?“, frage ich. „Meine Füße glühen.“ „Here comes the hotstepper.“ Ich deute nach unten. „Deine Heizung läuft wahrscheinlich auf Hochtouren.“
Carsten überlegt nicht lange. Er bückt sich und zieht die Schuhe aus. „Ich kann nicht nicht hüpfen. Stadionreflexe. Muscle Memory.“ Und hat sich schon wieder in einen Flummi verwandelt. Die Schuhe hält er in den Händen. „Oh, Handschuhe“, sage ich.
Er beginnt, die Sohlen gegeneinander zu schlagen, was ein schönes lautes Geräusch macht. Nach einer Weile wird um uns herum rhythmisch mitgeklatscht. Und dann singt die erste: „Er hat die Schuhe aus, er hat die Schuhe aus, er hat, er hat die Schuhe aus …“ Bis es die ganze Gegengerade singt.
Carsten geht viral. Nicht im Netz, sondern im Stadion. Er grinst über beide Ohren wie ein Honigkuchenpferd. Zwölfter Mann hin oder her, das Spiel ist jetzt Nebensache. Das sind Carstens fünfzehn Minuten. Daniel Klaus
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