starke gefühle: Berlin vermüllt. Die Politik macht: nichts. Wir brauchen eine Müllabgabe
Sie kommen in der Dunkelheit. Sie schleichen sich aus den Häusern, tragen schwer. Von der Nacht geschützt schleppen sie alte Sofas, Kühlschränke, Waschmaschinen, Matratzen, Säcke mit Bauschutt heimlich die Treppen hinunter und über die Straße. Ihre Flüche ob der Schwere der Fracht werden verschluckt.
Jede Nacht wiederholt sich dieses Spektakel. Wo? In Berlin natürlich, dieser vermüllten Hauptstadt, der nachgesagt wird, dass ihr Kern das Ist-mir-egal sei. (Wobei: Auch in anderen Städten geht es so zu.)
Obwohl die Männer nachts unsichtbar sein wollen, sieht man sie mitunter doch. Da, dieser. Mit einer Matratze auf der Schulter tritt er aus dem Tor. Er schaut nach rechts, nach links und geht vor zum Platz, wo ich wohne. Ich, auf dem Heimweg, versuche ihn aufzuhalten. „Hej, das ist keine Müllhalde“, schreie ich und folge ihm. „Ich mach doch nichts“, sagt er, kehrt um, geht zurück zum Haus, aus dem er kam, die Matratze über der Schulter.
Oder der, der einen Kühlschrank auf das Trottoir schiebt. Der Mann ist zwei Meter groß und wiegt dreimal so viel wie ich. „Müll gehört zur Stadtreinigung in der Lengeder Straße“, sage ich, meine Stimme klingt unsicher. Er kommt auf mich zu. „Was willst du?“
Meistens aber sind die Leute von der Dunkelheit geschützt. Morgens steht ihr Müll zwischen den Bäumen, beim Spielplatz oder auf dem Platz. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ihn. Dabei ist die Straße, wo ich wohne, ganz schön; in der Mitte wachsen Bäume. Eine Frau hat Tagetes, Cosmeen und Malven darunter ausgesät und pflegt den Ort hingebungsvoll. Der Müll wird in die Blumen gekippt.
Neulich ein Schauspiel ungeahnten Ausmaßes. Nachts lud ein Lieferwagen Altkleidersäcke auf dem Platz ab. Tags darauf beginnen Vorbeikommende die Tüten aufzureißen. Sie stapfen über die Berge alter Kleider, alter Schuhe, ziehen etwas raus, begutachten, werfen es zurück. Müllsucher auf einem Berg Unrat mitten in Berlin.
Von mir nur Fragen. Warum machen sie das? Warum steht jeden Morgen neuer Müll auf dem Platz? Oder am Straßenrand? Oder überall? Selbst im nahen See hab ich schon Kühlschränke gesehen. Sie schleppen sie dahin, nicht zur Stadtreinigung. Warum?
„Der öffentliche Raum wird zunehmend als Verbrauchsraum gesehen“, wird die Abfallwirtschaft Stuttgart in der Welt zitiert, „Rücksicht und Verantwortungsgefühl nehmen ab, das Wegwerfverhalten steigt.“
Und im Magazin Aus Politik und Zeitgeschichte steht in einem Text von Laura Moisi: „Schmutz und Abfall sind vor allem eine Grenzverletzung: eine Bedrohung der kulturellen Kohärenz.“ Kultur gedacht als etwas Aufgeräumtes und Beständiges. Nur, wie wurde daraus eine Kultur der Vermüllung?
Ich habe hilflose Erklärungen. Die, die den Müll wild abladen, haben kein Verhältnis zu ihrer Stadt. Es ist nicht ihre. Gemeinsinn hört auf, sobald sie die Wohnungstür hinter sich schließen. Ihr Planet ist geschrumpft auf ein paar Quadratmeter. Oder er ist noch kleiner, gerade so groß wie ihr Bildschirm. Der ist clean. Um die reale Welt sollen sich die anderen kümmern.
Wenn die Vermüllung Berlins für etwas steht, dann für den konsensualen Kulturverlust ihrer Bewohner*innen. Oder klarer: für zwischenmenschliche Verwahrlosung. Das müsste die Politik auf den Plan rufen. Tut es aber nicht. Nicht in Berlin.
Dabei bieten sich Lösungen an: Auf alles Kaufbare muss Pfand oder eine Müllabgabe erhoben werden. Auf alles, nicht nur auf Einwegverpackungen wie in Tübingen. 15 Euro auf ein Kleidungsstück, 150 auf ein Sofa, 100 auf den Kühlschrank usw. Der wahre Preis muss klar werden. Das wäre ein Anfang.
Ansonsten, fragt mich, es fällt mir noch mehr ein. Die Kommunen sollen Aufräumwochen einrichten wie derzeit in Hamburg. Zudem sind Schulen gefragt; Müllsammeln als Unterrichtsfach. Der Ausflug ins Grüne mit Müllgreifer statt Wanderstock. Auch Kirchen können sich einmischen. Von Kanzeln, Minbars und Bimas herab machen religiöse Vordenker*innen ihrem Klientel klar, dass die Erde ein Abbild des Paradieses ist. Im Dreck wollen die Schafe nicht grasen.
Nicht zuletzt muss die Kehrwoche kommen. Keine, die im Treppenhaus endet, sondern die Straße miteinbezieht. Alle sollten Verantwortung auf den Schultern tragen, keinen Dreck. Waltraud Schwab
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