schlagloch: Avanti, Dilettanti!
Berufspolitiker machen gerade keine gute Figur, Unprofessionelle könnendas von Natur aus besser. Ein Plädoyer für mehr Dilettantismus in der Politik
Nein, ich will jetzt nicht über den Wahlausgang sprechen. Nix, nada, no way. Sondern über philosophischen, künstlerischen und politischen Dilettantismus und was das mit einer lebendigen Demokratie zu tun hat. Zwei unserer gehassliebten Vordenker, Goethe und Schiller, haben sich einst über den Dilettantismus ausgetauscht – das war allerdings vor der technizistischen Effizienzaufladung des Begriffs und für ein Bürgertum, in dem das Dilettieren als durchaus akzeptabler Nachweis der Kultiviertheit galt. Die zwei waren wohl so von sich und ihrer Sendung überzeugt, dass sie einen ganzen Katalog von Menschen aufstellten, die sich tunlichst nicht mit der Literatur befassen sollten:
Nachahmer: Der Nachahmer ist in erster Linie ein Nachzeichner der Wirklichkeit, „recht behaglich kann uns das Werk nicht machen, denn es fehlt ihm die Kunstwahrheit als schöner Schein“. Unter die Nachahmung fiel übrigens auch das Fertigen von Scherenschnitten, was in dieser Zeit eine sehr populäre bürgerliche Kulturtechnik war – besonders bei Frauen. Der Verdacht, dass die geniale Kunstwahrheit männlich und der nachrangig nette Dilettantismus weiblich konnotiert waren – oder sind –, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. In der Politik ist es vielleicht jemand, der genauso sein möchte wie ein anderer, nur noch mehr davon. Ein Nacheiferer im politischen Idolismus.
Imaginanten: Sie führen die Kunst über ihre Grenzen hinaus ins Unbestimmte und Unbegrenzte, wodurch die Kunst von ihrer eigentlichen Mitte entfernt wird. Heute nennt man das wohl „Spinner“, „Utopisten“, „Visionäre“, die nach einem Wort von Helmut Schmidt zum Augenarzt, aber nicht in die Politik gehören.
Charakteristiker: Sie gehen abstrakt an die Kunst heran und beschränken damit die Kunst selbst. Charakteristiker pochen auf die Einhaltung von Regeln und Rückbindungen. Im Gegensatz zur Entgrenzung der „Imaginanten“ achten sie streng auf die Formen und können durchaus hartnäckige Kontrolleure sein.
Undulisten: Sie stehen der Kunst mit gleichgültiger Anmut gegenüber und schaffen seichte, nichtssagende Werke. Undulisten sind so in die Form verliebt, dass ihnen der Inhalt fast schon egal ist. Derber nennt man so etwas Schaumschläger.
Kleinkünstler: Sie schaffen Miniaturen und sind als negativ anzusehen, wenn sie sich den Nachahmern nähern und ihr Werk nicht in eine Einheit bringen können. In unseren Breiten nennt man mittlerweile Kleinkunst das, was nicht mit gewaltigen Soundanlagen, eigenen Marketing- und Rechtsabteilungen und ohne den Anspruch auf Superlative daherkommt, politisches Kabarett zum Beispiel.
Skizzisten: Sie fördern eine Einseitigkeit in der Kunst, indem sie nur den Geist und nicht den Sinn ansprechen. Künstler dieser Art können nur skizzieren, jedoch nie vollenden. Sie haben wohl tolle Ideen, aber nicht die Kraft, diese auch gegen reale Widerstände durchzusetzen.
All das also sind Dilettanten, die allesamt ihre Vorzüge und Beschränktheiten haben gegenüber den Professionals, die das ganze Feld überblicken, vorausschauen, das Nahe wie das Ferne gleichermaßen beachten – und stets die Theorie aus der Praxis und die Praxis aus der Theorie gewinnen. Doch in Wahrheit muss ein solcher Professional nicht nur gegenüber einem Außen (alles, was nicht in sein Fachgebiet fällt) und nach innen (das Einzelne, das eben immer auch noch mehr ist als Teil des Ganzen) blind und taub werden. Er oder sie sucht, nachdem unser Glauben an die Originalgenies doch so seine Dellen bekommen hat, „Berater“, die noch spezialisierter und daher noch betriebsblinder sind: „Experten“, die Karikatur des Professional.
So also entfernt sich ein System – Philosophie, Kunst, Technologie, Politik – vom Rest der Welt. Die Arroganz der professionellen Innenwelt geht oft so weit, dass die Pose wichtiger als das Ergebnis ist. So entsteht zum Beispiel die Figur des Politikers und der Politikerin, die in ihrem Job dilettantischer vorgehen, als es je bei echten Dilettanten vorstellbar wäre. Die demokratische Rückkopplung realisiert sich nur noch als Echokammer. Die Professionals reden, und wir applaudieren, murren oder verkrümeln uns.
Da fehlt etwas! Es fehlt unsere echte Beteiligung. Man mag dafür Formen und Bezeichnungen finden – Bürgerräte, Zukunftsräte, Mitbestimmung –, entscheidend ist, dass neue Formen der Beteiligung gefunden werden müssen, die das postdemokratisch miese Verhältnis von Produktion und Konsumenten von Politik aufhebt. Statt uns zu umwerben wie Käufer von Brotaufstrichen, statt uns zu „füttern“ mit Slogans, Mems und Versprechungen müssen die demokratischen Politiker und Politikerinnen die Räume der Macht für uns Dilettanten öffnen. Nicht so, wie man eine Bühne öffnet, sondern so, wie man eine Werkstatt öffnet. Es muss von beiden Seiten klar sein: Die Politik ist zu wichtig, um sie allein den Berufspolitiker*innen zu überlassen! In der Kunst, in der Philosophie, in den Wissenschaften waren es immer Dilettanten, die neue Impulse gaben, wenn die Professionals mal wieder festgefahren waren. Wenn man es ernst meint mit der Rettung der Demokratie und klar erkennt, dass die Berufspolitiker in ihrem derzeitigen Zustand dazu nicht in der Lage sind, während die Feinde der Demokratie nur zu gut gelernt haben, Angst, Hass, Hetze professionell zu produzieren und zu verbreiten, dann bleibt nur eins: Mehr demokratischen Dilettantismus wagen! Mehr Imaginäres, Skizzenettahaftes, Charakteristisches, Elegantes, Essayistisches und vielleicht Begeistertes in die Politik. Dilettanten sind in aller Regel nicht perfekt. Aber es steckt in der Herkunft des Wortes: Dilettant*innen sind Menschen, die das, was sie machen, mit Freude, Begeisterung und Liebe tun. Dilettanten machen Professionals nicht überflüssig. Aber sie machen sie demokratischer.
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