momentaufnahmen: Wenn mal wirklich alles erlaubt ist
Der Polizist ist besoffen. Er steht neben einer Leopardin und einer glitzernden Fee vorm Chipsregal und erklärt ihnen sehr laut, warum die scharfen Chips nicht scharf genug sind. Ihm wird nicht zugehört, die Leopardin und die Fee halten sich im Arm, kichern, gucken aufs Handy.
Die drei sind jung, an einem anderen Tag säßen sie um diese Uhrzeit vermutlich in der Schule. Aber heute natürlich nicht, heute stehen sie betrunken und aufgekratzt im Rewe. Gerade ist alles erlaubt, es ist schließlich auch in Kessenich die fünfte Jahreszeit: Karneval. Trotzdem guckt eine ältere Frau mit giftgrüner Perücke und bunter Schlaghose genervt, als sie sich an ihnen vorbeidrängelt. Die drei bemerken sie nicht mal.
„Da hinten ist Klara!“, ruft die Fee plötzlich. Klara kommt den Gang entlang, in der einen Hand Schokolade, in der anderen ein Energydrink. Sie sticht heraus, denn sie trägt als einzige im Laden normale Kleidung: eine graue Strickjacke, eine beige Hose, einen gemusterten Schal. Auffällig unauffällig.
Bonn-Kessenich
12.700 Einwohner*innen.
In dem Stadtteil im Bonner Süden wird wie fast überall im Rheinland zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch natürlich Karneval gefeiert.
„Du siehst aus wie meine Mutter“, sagt der Polizist, als er sie umarmt. Klara grinst: „ Ich gehe als Spießerin.“ Amanda Böhm
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