kunstraum: Explosion der Pflanzenstoffe

Ihre Fotografien zeigen das Absterben der Blumen, währenddessen Kathrin Linkersdorff in „Microverse“, ihrer Ausstellung im Haus am Kleistpark, vom Leben der Farben erzählt. Für ihre Werkgruppe „Wabi Sabi“ (2013–2018) – entsprechend dem japanischen Konzept, im Unvollkommenen und Unbeständigen die Essenz des Lebens zu finden – hat sie verwelkende Tulpen, Mohnblüten, Artischocken, Sonnenblumen oder Samenkapseln getrocknet und genau den Moment abgepasst, in dem die Blüte in ihrem Verfallsprozess ihre letzte Schönheit erreicht. Wie ihre Aufnahmen zeigen, wird der Farbton der Blüten kurz vor dem Verwelken erst richtig satt.
Kein Wunder, dass sich Linkersdorff für die Veränderungen, die Farben in der Natur durchlaufen, zu interessieren begann. Die Experimente ihrer Werkgruppen „Floriszenzen“ (seit 2019) und „Fairies“ (seit 2020) führten zur Werkgruppe „Microverse“ (seit 2023), für die sie die Farben ihrer Pflanzen gemeinsam mit der Mikrobiologin Regine Hengge regelrecht züchtete. Auf Hengges Einladung forschte Linkersdorff dann – als Artist in Residence des interdisziplinären Excellence Clusters „Matters of Activity“ – am Institut für Biologie/Mikrobiologie der Humboldt-Universität an Pflanzen und Farben. Etwa mit dem Bodenbakterium Streptomyces coelicolor, das Humus bildet, nicht pathogen ist und bei Stress wie Nährstoffmangel intensiv gefärbte, antibiotisch wirkende Substanzen produziert.
Darunter findet sich nicht nur, aber vor allem ein blaues Antibiotikapigment, das anders als das mineralische Blau von Lapislazuli, dem es ähnelt, als organisches Pigment lebt, wächst und stirbt. Es bildet Formen aus, die auf der erstmals gezeigten, vierteiligen Arbeit, auf die man gleich beim Betreten der zentralen Ausstellungshalle stößt, wie kosmische Nebel und strahlende Galaxien ausschauen. Aber die grandiosen blauen, roten, lilafarbenen, grünen oder orangenen Farbexplosionen, die Künstlerin wie Wissenschaftlerin überraschten, siedeln doch ganz irdisch an den Blüten an. Und so tanzen die toten Blumen in bunten Kleidern aus antibiotischem Stoff durchs Bild. Brigitte Werneburg
Kathrin Linkersdorff: Microverse. Haus am Kleistpark, bis 8. Juni, Di.–So. 11-18 Uhr, Grunewaldstr. 6-7; Künstlerinnengespräch mit Kathrin Linkersdorff und Prof. Dr. Regine Hengge, Moderation Dr. Christiane Stahl: 9. April, 19 Uhr
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