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großraumdiscoIns Blau eingehen

Das Musiktheater im Revier küsst die Utopien wach, die mit der Lieblingsfarbe der Romantik verbunden waren. Und befreit sie ganz nebenbei von politischem Missbrauch

Heejin Kims gesungenen Anweisungen zu folgen, ist ein Vergnügen: Erst zögerlich, aber dann mit wachsendem Enthusiasmus entledigen sich die Opern­be­su­cher*in­nen ihres Schuhwerks und stapfen auf die blau bespannte Gigamatratze im Foyer des Musiktheaters im Revier, kurz MiR. Sie fläzen sich hin und schieben, ganz wie die Sopranistin fordert, ein im gleichen Farbton bezogenes Kissen untern Kopf. „Wir schauen nach oben“, psal­mo­diert Kim, ein seitlich postiertes Ensemble webt eine Klanglandschaft dazu, „wir lassen ganz los!“

Die Performance „Blau“ eröffnet die Opernsaison in Gelsenkirchen. Und während das Publikums merkt, dass es in sie kaum weniger eingesponnen ist als die Mu­si­ker*in­nen, beglänzt über seinen Köpfen eine kitschige Abendsonne die berühmten Ultramarinfriese des Künstlers Yves Klein. Deren 140 Quadratmetern purster Farbigkeit entlockt sie weißliche Schattierungen und rötliche Glut, obwohl sie die nicht haben. Denn alles an ihnen ist ja blau, völlig blau, unendlich blau: Wird es jemals wieder etwas anderes geben? Sollte es denn? Wozu?

Schon draußen war es losgegangen mit dem Blau, es gab ein Outdoorstehrümchen auf einem königsblauen Filzteppich, dahinter sind vier knapp fünf Meter hohe, azurfarbene Buchstaben aufgebaut: B, L, A und U. Es gibt blaue Zuckerwatte und von einem Profi geschminkte Gesichter in Schattierungen von Jeans über Lagune bis Enzian.

„Nein“, sagt der neue Intendant Frank Hilbrich, als die taz ihn auf dem Vorhof anquatscht, „wir machen hier sicher keine Parteipolitik.“ Wobei er es nicht falsch findet, die Performance als Aktion gegen die rechtsextreme Vereinnahmung der romantischen Farbe par ­excellence zu lesen: „Es ist eine Rückaneignung“, sagt er, „das ganz sicher.“ Für die Rettung des Blau aber gibt es in Deutschland eben keinen besseren Ort als das 1959 eröffnete MiR. Dort nämlich ist sein utopischer Gehalt als Farbe der Möglichkeit, der Tiefe und des Traums vom Menschen am entschiedensten in die Realität getreten. Um, wie jede gute Utopie, an ihr zu scheitern.

Die Ehrenrettung des Blau hat das „Kommando Himmelfahrt“ unternommen, der Komponist Jan Dvořák und der Regisseur Thomas Fiedler. Es bedient sich dafür szenisch-musikalischer Ideen, mit denen der visionäre Architekt Werner Ruhnau und vor allem der französische Künstler Yves Klein ihren Bau zu einer „Schule der Sensibilität“ hätten machen wollen – im Zeichen des totalen Blau.

Klein (französisch nasal gesprochen) nämlich, 1962 im Alter von gerade mal 35 Jahren gestorben, war der Messias der Monochromie. Der Menschheit hat er das ­International Klein Blue geschenkt, ein ­einzigartiges Ultramarin: Dieses reine, mit fast unsichtbarem Harz gebundene pure Natriumalumino­silicat-Thiosulfat-Pulver ist die einzige Substanz, deren Anblick allein süchtig macht. Sie eröffnet dem Auge Tiefen, wo keine sind. Sie verschlingt die Be­trach­ter*in­nen. Mit ihr hat er auch besagte Kolossalreliefs geschaffen, die eine Ahnung vermitteln von jener unmöglichen, alle Linien in Blau auflösenden, körperlosen Welt, die Klein vorschwebte.

Das Musik­theater im Revier ist Deutschlands, vielleicht sogar der Welt schönstes Opernhaus: Der Bau hat 1959 knapp 19 Millionen D-Mark gekostet. Das entspräche heute 54,15 Millionen Euro, also rund einem Dreißigstel der Kosten der Kölner Theater­renovierung.

Am Ende trifft das Publikum wieder zusammen, im großen Theatersaal. Zuvor hatte es, in die vier Gruppen L, A, U und B aufgeteilt, von Sän­ger*in­nen geführt, das Gebäude erkundet. Es hatte singen gelernt, war zu den Klängen eines Tenor­saxofonsolos Judokas begegnet, hatte mit einem gigantischen Schwungtuch die Immaterialität in die Wahrnehmung gehoben und auf der Studiobühne das „Theater der Leere“ erlebt, ein von Klein verfasstes Antistück: Ohne Handlung, Requisiten oder Ak­teur*in­nen beginnt es mit der per Übertitelanlage in den Saal gegebenen Bitte um Verständnis dafür, dass man die Zu­schauer*in­nen nun an ihre Sitze fesseln müsse, „zu Ihrer eigenen Sicherheit“.

Das ist nur logisch. Denn wo Leere sich auftut, die in diesem Denken nur ein anderes Wort ist für die magische Räumlichkeit der Farbe, entsteht Unterdruck. Der ist hier so gewaltig, dass sich ihm niemand widersetzen könnte. Er müsste alle, die da wandeln, hineinreißen ins beglückende Blau. Und das will man nicht. Auch wenn es doch so schön wäre.

Wird es jemals wieder etwas anderes als Blau geben? Sollte es denn? Wozu?

Benno Schirrmeister