großraumdisco: Weil man am Ende doch nicht lebend aus der Sache rauskommt
Zum Leben gehört auch der Tod. Und wie eine enttabuisierte Sterbekultur aussehen könnte, war das Thema des Death Festivals in Berlin
Von der Decke des lichtdurchfluteten Raums hängen Bambusstäbe an dicken weißen Seilen. Im Institut für Körperforschung und sexuelle Kultur, wo üblicherweise Bondageworkshops stattfinden, gibt es an diesem Morgen einen Versteinerungsworkshop. Es wird Erstarrung getanzt – ein Gefühl, das die Konfrontation mit dem Tod häufig auslöst. Über eine Außentreppe geht es, mit Blick über die Spree, hinunter in den Roten Salon. Dort sitzen Menschen in kleinen Gruppen in den Sitzecken und diskutieren darüber, wie Trauerfeiern als lebendige Übergangsrituale gestaltet werden können.
Die Workshops sind Teil des Death Festivals im Holzmarkt in Berlin, das sich am vergangenen Wochenende zum zweiten Mal der Frage widmete, wie ein anderer Umgang mit Tod und Sterben aussehen könnte – jenseits von Verdrängung, Verleugnung und Angst, wie es in westlichen Kulturen weitverbreitet ist. An drei Tagen fanden mehr als 40 Workshops, Performances und Zeremonien mit etwa 240 Teilnehmer*innen statt.
„Wir waren schon immer mit dem Tod konfrontiert“, sagt Judith Salamander. Sie sitzt auf einer Holzbank, ihre grauen Haare lugen unter ihrer Mütze hervor. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Palliativmediziner Matthias Gockel, und drei weiteren Personen organisiert sie das Festival.
Salamander und Gockel kommen aus der sexpositiven Szene, auf ihren Kinkveranstaltungen hätten sie den Tod immer erotisiert, erzählt sie. Inspiration für das Festival habe das Festival of Death and Dying geliefert, das Peter Banki 2018 in Sydney ins Leben rief.
Im Säälchen des Holzmarkts räkeln sich Menschen auf dem Teppichboden, sie kuscheln, tanzen, weinen. Schwere Steine baumeln an Seilen von der Betondecke, das Licht ist gedimmt, bedächtige Musik erfüllt den Raum. Beim #yodo-Workshop (you only die once) spüren Teilnehmer*innen der Frage nach, welchen Prozess eine sterbende Person biologisch und emotional durchläuft. Auf einem Altar können sie etwas ablegen, das sie mit Tod und Sterben verbinden.
„Es ist ein Thema, vor dem viele Angst haben“, sagt Judith Salamander. Oft wüssten Menschen nicht, wie sie mit Tod umgehen sollen, sie bekämen Angst und zögen sich zurück. Die Folge: Angehörige und Sterbende würden vereinsamen. „Man muss in das Thema mehr Normalität reinbringen“, meint Salamander. Das Festival soll dazu einen Beitrag leisten. Beim Workshop „Kreative Sterbefantasien“ wird sich beispielsweise über Vorstellungen des Sterbens ausgetauscht, in anderen Workshops geben Palliativmediziner*innen, Sterbebegleiter*innen und Bestatter*innen praktische Tipps.
Wozu sich mit dem Tod beschäftigen? Weil Sterblichkeit „die Intensivierung des Lebens“ ist, so das Festivalmotto. „Wir verbringen unser Leben oft im Wartemodus“, erklärt Salamander. Wer sich aber die eigene Endlichkeit bewusst mache, lebe anders.
Seiner Endlichkeit bewusst werden kann man gut auch auf einem Friedhof. In Berlin gibt es 222 Friedhöfe auf circa 1.095 Hektaren. Das entspricht etwa 1 Prozent der Stadtfläche und immerhin 10 Prozent des öffentlichen Grüns. Weil Friedhöfe ja auch für die Lebenden sind. Bestattet wird auf insgesamt 182 Friedhöfen, 40 sind für Bestattungen mittlerweile geschlossen.
Diese Erfahrung haben auch einige Teilnehmer*innen gemacht. Ein junger Mann erzählt: „Ich denke ständig über den Tod nach. Es macht mich ruhiger und glücklicher.“ Auf dem Festival möchte er mehr Wege finden, den Tod aktiv in sein Leben zu integrieren.
Ein Mann, der im Rollstuhl sitzt, berichtet, bei einem Unfall beinahe ums Leben gekommen zu sein. So absurd es klinge: „Im Nachhinein war das eine bereichernde Erfahrung. Das Leben ist wertvoller, wenn man sich den Tod näher holt“, sagt er. Er arbeitet seitdem als Trauerbegleiter im Hospiz.
Zum Abschluss des #yodo-Workshops dürfen alle etwas im Raum lassen: Einer verabschiedet sich von der Angst vor seiner Behinderung, eine andere von der Verantwortung für den Tod ihres Vaters.
Der Kreis rückt immer näher zusammen. Gemeinsam atmen sie ein, halten inne und pusten dann die Kerze auf dem Altar aus. Lilly Schröder
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