editorial: In dieserliterataz
Dass die Welt, in der wir leben, sich in den letzten Jahren kaum zum Besseren gewandelt hat, ist so bekannt wie fatal. Kriege, Klimawandel und die immer weitere Auslegung, die die Wahrheit erfährt, machen unsere blaue Kugel nicht gerade zu einem lebenswerteren Ort. Wo lässt sich noch Gemeinschaft finden? Zum Beispiel in einer Kneipe, die Schutz vor Hitze bietet und in Lena Müllers Roman zum Nachbarschaftstreff gerät. Oder in einer langjährigen wie innigen Paarbeziehung, von der Helga Schubert in ihrem neuen Buch erzählt. Ebenso in der lesbischen Subkultur, die, von Laura Vazquez ausgeleuchtet, neue Erkenntnisse über die Welt zutage fördert. Selbst bei den Rich Kids ist mitunter die Herzlichkeit zu Hause, wenn die Klimaprotestler nebenan mal wieder durch Mackertum glänzen – ein Szenario, das Franziska Gänsler entwirft. Dass sich Solidarität nicht automatisch einstellt, nur weil alle Beteiligten den gleichen, nämlich letzten Platz in der Nahrungskette belegen, davon weiß indes Nadia de Vries zu berichten.
Gemeinsam angehen lässt sich auch so etwas vermeintlich Profanes wie Kindererziehung oder Pflege – sofern man diesen größten Wirtschaftsfaktor endlich auch so betrachtet: Wirtschaftlich, wie es die Politökonomin Feline Tecklenburg fordert. Neu betrachten und gemeinsam überkommen lassen sich auch etablierte Vorstellungen von – männlicher oder elterlicher – Autorität und von Gehorsam, wie die Philosophin Lisz Hirn feststellt.
Und die gute Nachricht zum Schluss: Noch nicht mal der derzeit von vielen befürchtete oder gar herbeigesehnte Weltuntergang muss uns entzweien, wie die Philosophin Alenka Zupančič in ihrem Buch überlegt – vielleicht ließe sich dieser ja dialektisch und somit sogar produktiv angehen? Ihr Kollege Florian Baab greift beim Blick auf Untergangsängste tief in den Giftschrank der Geschichte und stellt fest, dass auch Alfred Rosenbergs NS-Untergangsfantasien nur beschränkte Haltbarkeit bewiesen. Ob man das auch von den gerade entstehenden KI-Superkräften behaupten kann, die mit ihren Algorithmen bald recht sprechen und „Gerechtigkeit“ herstellen könnten? Das lässt Mads Pankow in seinem spannenden Buch offen. Nina Apin, Julia Hubernagel
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