die wahrheit: Old Shats Fahrtenmesser

Von Männerfreundschaften erzählt man sich ja die tollsten Dinge. Lächeln sich zwei Dreikäsehochs in der Sandkiste an, kann man getrost davon ausgehen, dass sie bis ans Ende...

... ihrer Tage die dicksten Kumpels bleiben werden. Sie gehen in den Gärten der Nachbarschaft zusammen Äpfel klauen, fallen dabei gemeinsam von einem der Bäume, brechen sich beide die rechte Haxe und werden schließlich wie Winnetou und Old Shatterhand mit einem rostigen Fahrtenmesser Blutsbrüderschaft schließen.

Kann sein, dass der Wellengang der Zeit sie nach dem Ende ihrer Jugend in zwei verschiedene Städte an zwei entgegengesetzten Enden des Universums spült - wenn ihr Lebenskreis sich schließt, werden sie, von einem inneren Drang getrieben, in die Sandkiste zurückkehren, ihre Fahrtenmessernarben betrachten und sich darüber verständigen, dass nichts in ihrem Leben wichtig war - nichts, außer dieser Sandkiste als Ort ihrer ersten Begegnung. Denn während Frauen ihre besten Freundinnen genauso oft wechseln wie den Lack auf ihren Zehennägeln, sind Männerfreundschaften für die Ewigkeit gemacht. Anders gesagt: Was Old Shats Fahrtenmesser zusammengefügt hat, kann selbst das Schicksal nicht trennen.

Merkwürdigerweise hat das bei mir nie funktioniert. Als ich das erste Mal in einer Sandkiste saß und einen anderen Knirps freundlich angrinste, zimmerte der mir im Gegenzug sein Schäufelchen aufs Haupt. Auch mein Schulfreund Jens enttäuschte mich tief. Zuerst spannte er mir meine Jugendliebe aus, dann brachte er es fertig, meine Mathearbeiten mit seinem Namen zu versehen und seine Elaborate als meine auszugeben, so dass meine Note ins Bodenlose stürzte. Als ich ihn schließlich dabei erwischte, wie er - das geknackte Schloss noch in der Hand - mein Rennrad zu verhökern versuchte, war meine Geduld am Ende. So hätte allein aus meiner Jugendfreundschaft zu Walter noch eine fast lebenslange Verbindung werden können. Zwar waren wir für die Fahrtenmessernummer zu feige, zumindest im Geiste aber hatten wir Blutsbrüderschaft geschlossen, und tatsächlich waren wir vier Jahre lang echte Busenfreunde. Eines Tages jedoch trat eine schöne Bankhauserbin in Walters Leben. Sie konnte mich nicht leiden, sagte: "Er oder ich!", und seitdem höre ich nur noch von ihm, wenn er mir zum Geburtstag heimlich eine Postkarte schreibt.

"O Mann!", sagt Raimund: "Wie einsam musst du sein, wie verloren in dieser Welt - so ganz ohne Freund fürs Leben! Ich zum Beispiel", fährt er fort, "kann mich stets auf Horst verlassen. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen, aber er würde mir garantiert aus jeder Patsche helfen - pass auf!" Schon hat er zum Telefon gegriffen und eine Nummer gewählt: "Hallo Horst! Hier ist Raimund! Ich brauche Was? Raimund! Aus der Elbestraße! Genau! Du, ich brauche dringend 300 Euro und wollte Horst? Hallo? Parbleu, einfach aufgelegt!" Er seufzt und schüttelt den Kopf. Dann lächelt er schon wieder, und während er mich anblickt und sagt: "Ich weiß, dass wir uns erst seit drei Jahren kennen ", überlege ich schon mal, ob mein Kontostand es mir wohl erlaubt, ihm kurzfristig 300 Euro zu pumpen.

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