die wahrheit: Kalauerkommunikation ist Krieg

Nur ein Schritt trennt oft die weise Sentenz vom lauen Kalauer. Das gilt verschärft für volksetymologische Herleitungen - also für Spekulationen über die Herkunft und Geschichte von Wörtern...

Nur ein Schritt trennt oft die weise Sentenz vom lauen Kalauer. Das gilt verschärft für volksetymologische Herleitungen - also für Spekulationen über die Herkunft und Geschichte von Wörtern. Der Kalauer kommt nicht nur aus Calau bei Cottbus, sondern ist auch eine Verballhornung des französischen Wortes "calembour", was etwa so viel wie "Wortspiel" bedeutet. "Gut betucht sein" hat nichts mit Stoff zu tun, sondern geht auf das Hebräische und die Kaufmannssprache zurück, in der es "vertrauensvoll" meinte - einen zahlungsfähigen Geschäftspartner. Und der Bikini geht nicht auf das Lateinische bis/bi ("zweifach") zurück, sondern auf die Pazifikinseln mit diesem Namen. Angeblich soll der Badeanzug so genannt worden sein, weil er ebenso viel moralische Entrüstung ausgelöst habe wie die ersten Atombombenversuche der USA auf dem Bikini-Atoll 1946. Das ist Küchenetymologie, denn die Proteste gegen Atombombenversuche setzten erst in den Fünfzigerjahren ein.

Etymologische Herleitungen für den Hausgebrauch gleichen den Rückschlüssen der Physiognomik von der Kopfform auf den Charakter. Wer Menschen nach ihrem Antlitz taxiert und abheftet, betreibt ebenso Scharlatanerie wie Journalisten, die Rocklängen bei Frauen oder Krawattenfarben bei Männern bemühen, um politisch Handelnde zu charakterisieren und deren Motive ultimativ zu "erklären".

Aber Volks- oder Küchenetymologie kann auch subversiv sein. Ernst Bloch verspottete einst "den heideggernden Kalauer höherer Ordnung vom Zukommen auf Zukunft kommend" mit dem Hinweis, dann komme wohl auch "Rose" von "Geröstetem".

Eine ebenfalls eher als subversiv einzustufende Herleitung trug jüngst ein französischer Musiker vor, der sich schon lange über die ausgelaugten Wörter "Kommunikation" und "kommunizieren" ärgerte. Er schrieb: "Die Vorsilbe cum ist geläufig und bezeichnete die Vielzahl und den Austausch. Municatio bedeute im Lateinischen die Tätigkeit des Ausrüstens, Befestigens und Verschanzens (vom lateinischen Verb munire abgeleit). Das Wort munia hat vielleicht dieselbe Wurzel und meinte bei den Römern eine Art Übergangsgeld für aus dem Amt geschiedene Staatsdiener, aber auch Geschenk, die der zukünftige Konsul seinen Wählern machte." Der französische Musiker turnte ohne Netz. Das Wort munia hat nichts mit den militärischen Verrichtungen des Verschanzens oder Munitionierens mit allerlei Wurfgeschossen zu tun, sondern geht auf das zivile Wort communis ("gemeinschaftlich", "allgemein") zurück und bezeichnete zum Beispiel die Amtspflichten eines Konsuls beziehungsweise ein gemeinschaftliches Vermögen.

Sprachwissenschaftlich gesehen steht der Musiker also hoffnungslos im Abseits, aber in der Sache trifft seine Improvisation ins Schwarze, das heißt: ins Zentrum zahlreicher Formen medialer Kommunikation. Was Talkshows bis hinunter zu Sendungen mit Dieter Bohlen unter dem Logo "Kommunikation" anbieten, sind keine Kommunikationsangebote, sondern Kriegserklärungen gegen den guten Geschmack, politisches und ästhetisches Urteilsvermögen, Selbstachtung und Vernunft.

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kari

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