die wahrheit: In den Katakomben des Sadomaso-Vereins

Es ward spät. So spät, dass Kollege Steinecke und ich uns zum Aufbruch gedrängt zu fühlen meinten. Indes fehlte es an etwas Entscheidendem. Es fehlte ein Ziel...

... Prompt schwirrten diese gepriesenen chinesischen Weisheiten durchs Gebälk. Es gebe keinen Weg, der Weg komme beim Gehen. Der Weg sei das Ziel. Und? Falls sich der Weg beständig im Kreis dreht? Ein Trampelpfad im Raum-Zeit-Kontinu… - einem Peitschenschlag gleich schnellte jäh eine Frage des Kollegen Steinecke dazwischen. Wie denn der Stand der Dinge in Sachen Telefon-Sex sei?, erkundigte er sich. Soweit er wisse, sei diese Spielart seit längerem nicht in den Fokus öffentlicher Debatten geraten. Digitale Suchmaschinen in dieser Hinsicht anzutreiben, habe er tunlichst unterlassen, gebe aber zu bedenken, dass … - "Könnte sein", unterbrach ich ihn, "dass diese Praxis schwächelt, weil doch jedes Telefonat mittlerweile aufgezeichnet wird?" - "Und jede Fährte im Netz." Hm.

Nun enttarnte Steinecke den Anmarschweg zu seiner Randbemerkung. Inspiriert hatte ihn zielloses Blättern in der Lokalpresse, die von der BDSM-Szene berichtete. BDSM? B wie Bondage, heißt Fesselung; D wie Discipline oder Dominance, S wie Submission oder Sadism, M wie Masochism. Voila! Sadomaso. Etliche Adressen und Termine waren dem Artikel zu entnehmen und dass es eingetragene BDSM-Vereine gebe, der eine sogar eine diesbezügliche "Lebens-Hilfe" auf die Fahne schrieb.

Wenn zwei Deutsche zusammen sind, gründen sie einen Verein, organisieren ihn um oder lösen ihn auf, heute wie vor hundert Jahren. In Interviews war von einem Stammtisch die Rede, von einem Vereinslokal, von Workshops und Seminaren, vom Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt, Grillen an Kiesteichen. Sämtliche Unternehmungen selbstredend "in gegenseitigem Einverständnis".

Während des nun unvermeidlichen Nachtausflugs eilten wir zu einem der erwähnten Etablissements, hinab in dessen Katakomben. Momentaufnahmen: Steinecke sich räkelnd im Klinikzimmer auf dem gynäkologischen Stuhl; ich an den Gitterstreben des Kerkers. Hernach Erniedrigung auf dem Strafblock, Erklimmen einer Liebesschaukel, Anketten am Andreaskreuz, das volle Programm halt.

Kleinbürgerlich, wie Steinecke und ich notdürftig gezimmert sind, erprobten wir mutig womöglich heimliche Neigungen. Anschließend zauberte der Kollege aus seiner digitalen Bibliothek ein Gedicht Tucholskys von 1920: "… Hausbacken schminkt sich selbst das Laster. / Sieh hin - und Illusionen fliehn. / Es gründen noch die Päderaster / ,Verein für Unzucht, Sitz Berlin'."

Wochen danach wich unsere Saumseligkeit abermals der zwanghaften Unruhe. Kaum waren wir in der Bar um die Ecke eingetroffen, trat ein Vorleser auf die schmale Bühne: "Dies Buch hier ist einer roten Damenunterhose gewidmet. Ausziehen, denn das Werden kennt keine Sicherheit."

Ein Abend, der spektraler leuchtete, fand ich, gelegentlich abschweifend in mäßigem Grübeln, wie ein Telefon-Sex e. V. wohl arbeitet. Und verriet danach dem Kollegen, dass die Begrüßung ein Zitat gewesen sei. Von wem? Nicht allein das Werden kennt keine Sicherheit, zumeist auch die Erinnerung.

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