die wahrheit: Der Präsident der Stubenfliegen

Irlands Premier Bertie Ahern hat seinen Rücktritt erklärt, wegen merkwürdiger Finanzgeschäfte. Auf einmal überschütten ihn alle mit Lob, und mancher wird ganz braun vor Ehrerweisung.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, er sei gestorben. Aber der irische Premierminister Bertie Ahern lebt. Er hat vorige Woche lediglich seinen Rücktritt für den 6. Mai angekündigt - die erste anständige Geste seit Jahren. Er geht nicht freiwillig: Weil er dem Tribunal, das seine merkwürdigen Finanztransaktionen in einer Gesamthöhe von fast einer halben Million Pfund untersucht, täglich neue Märchen auftischte, war seine Glaubwürdigkeit ins Bodenlose gesunken. Und seine Genossen von Fianna Fáil, den "Soldaten des Schicksals", haben schon immer diejenigen eiskalt abgesägt, die der Partei schaden könnten.

Doch sind sie den Schädling erst mal los, überschütten sie ihn mit Lob, so dass man sich am Ende fragt, warum ein solch integrer, fähiger und allseits beliebter Politiker seinen Hut nehmen musste. Offenbar setzen die Parteikollegen darauf, dass man aus dem Sturz des Parteichefs Kapital schlagen kann, wenn man ihm flugs einen Heiligenschein verpasst. Manche schießen dabei allerdings über das Ziel hinaus. Die ehemalige Kabinettsministerin Mary ORourke zum Beispiel hofft offenbar, dass das Gedächtnis der Wähler so kurz wie das einer Stubenfliege ist. Sie schlug keine 24 Stunden nach Aherns Abschuss vor, ihn zum Präsidenten zu machen.

Aber auch Aherns politische Gegner finden ihn plötzlich toll. Labour-Chef Eamon Gilmore, der seit Monaten Aherns Rücktritt gefordert hatte, bescheinigte ihm nun, dass er "Bemerkenswertes in seiner Amtszeit erreicht" habe. Natürlich kamen auch aus den USA Lobhudeleien - allen voran von Hillary Clinton, die "als First Lady viel mit ihm zu tun" hatte. Barack Obama wird sich auch noch äußern, schließlich geht es um die irischen Stimmen im US-Wahlkampf - immerhin hat Obama im Gegensatz zu Clinton irische Vorfahren.

Aus Nordirland meldete sich Ian Paisley, der gestern 82 Jahre alt geworden ist. Er weiß, wie es ist, hinausgeworfen zu werden, denn er musste auf Drängen der Parteikollegen vor kurzem ebenfalls seinen Rücktritt für Anfang Mai verkünden. Er bescheinigte Ahern "Reife und Verantwortungsbewusstsein". Ian Paisley junior assistierte dem Alten kryptisch: "Während andere von sich behaupteten, Brückenbauer zu sein, hat er echte Beziehungen gebaut." Der Junior muss an seinen Metaphern arbeiten.

Eoghan Harris muss an ganz anderen Dingen arbeiten. Früher hat man den Journalisten und Politiker, dessen Schleimspur sich vom Stalinismus bis zum Unionismus quer durch die ideologische Landschaft zieht, ab und zu ernst genommen, doch heutzutage taugen seine Fernsehauftritte nur noch zur Belustigung. Nachdem Ahern ihn voriges Jahr zum Senator ernannt hat, ist Harris ihm aus lauter Dankbarkeit wie ein deutscher Schäferhund treu ergeben. Der Premierminister sei ein Ehrenmann, der von den Medien zur Strecke gebracht worden sei, trompetete Harris und setzte noch einen drauf: Mit den Journalisten sei es wie mit den Nazis, die den jüdischen Ghettos das Wasser abdrehten und dann der Weltöffentlichkeit die ungewaschenen Juden präsentierten.

Harris ist auch ein Brauner. Bei ihm kommt es allerdings eher vom hemmungslosen Arschkriechen.

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