die wahrheit: Flankensteins Schmiede

Das verfluchte Doping im gelben Sport.

Im Leistungszentrum von Schin Den werden auf Anweisung des Trainerunholds Quäl Li Sportkörper geformt. Bild: ap

In der Provinz Sechuan, wo die rote Bohne gedeiht, liegt Schin Den, die berühmt-berüchtigte Medaillenschmiede der Chineser. Wer sich dorthin begibt, muss auf Gott vertrauen, hatte Prof. Rhizinus gesagt und Speckbrot, seinem Assistenten, zum Abschied noch einmal fest die Hand gedrückt. Das war vor sieben Tagen gewesen, in der Sporthochschule Köln. Jetzt, nach 10.000 beschwerlichen Kilometern, die er am Ende neben ranzige Yakbutter ausdünstenden Tibetern hatte absitzen müssen, stand Speckbrot, der Doktorand der Sportbiochemie, in der Höhle des Löwen und transpirierte großflächig in seinen Anzug. Über dem linken Arm lag sein Reiseplaid, den rechten beschwerte eine Reisetasche, deren Inhalt ihm so kurz vor dem Ziel nun doch etwas Kopfzerbrechen machte. Hatte er auch wirklich nichts vergessen? Lab-Stick, Spritzbesteck, zwei Refraktometer, den Flüssigchromatografen, das Massenspektrometer, all die unentbehrlichen Werkzeuge des modernen Dopinganalysten, wenn es gilt, die Werte der A-Proben zu verifizieren.

Nein, Speckbrot war sicher, er hatte an alles gedacht. Er würde Quä Li endlich das Handwerk legen, diesem konfuzianischen Trainerunhold, Herr über AFAK, die Akademie für angewandte Körperkultur, diesem Vater unlauterer Fabelrekorde, der die olympische Idee seit Jahren mit Stierhormonen, Epo, Schildkrötenblut und anderem alchemistischem Hokuspokus besudelte.

Speckbrot winkte nach einem Taxi, aber es war keins da. Stattdessen sah er zwei grazile Mädchen herantraben. Sie verneigten sich anmutig, ehe eine der beiden fragte: "Mistel Speckblot, bitte?" Der Doktorand schüttelte vor Schreck den Kopf. "Das Tu Mi Lei", fuhr sie unbeirrt fort. "Ich bin Zhou Lang, willkommen in Schin Den. Meister Quä Li lässt grüßen." Und ehe sich Speckbrot versah, hatte ihn Tu Mi Lei auf ihre Schultern gewuchtet. Dann raste sie leichtfüßig und in solcher Windeseile, dass Usain Bolt Hören und Sehen vergangen wäre, los und schließlich einen Bergpfad hinauf, der in einer waldumsäumten Lichtung endete. "Wil da!", sagt Zouh Lang, die völlig mühelos Schritt gehalten hatte.

Speckbrot, der hieß wie er aussah, japste nach der dünnen Höhenluft, während sein Blick über die Lichtung wanderte. Der Doktorand war fassungslos. Er sah kleine Männer, die mit drei ausgewachsenen Pandabären jonglierten, andere schnellten aus dem Stand bis in die Wipfel der Litschibäume, wo sie die Früchte von den Zweigen rissen. Er sah Frauen armdicke Bambusstämme kraft ihrer Handkanten roden, während fünf Rotznasen wagenradgroße Diskusse zwischen eine Phalanx Flugenten schleuderten. Eine fiel Speckbrot mausetot vor die Füße.

"Unsel Abendblot", sagte jemand. Spreckbrot wandte sich um und erkannte die verschlagenen Züge Quä Lis. "Wie gehts meinem Fleund, dem alten Lhizinus?", erkundigte sich der Gelbe, wohlwissend, dass seine Machenschaften Speckbrots Mentor drei Bypässe verschafft hatten. Dem Doktoranden schwoll der Kamm: "Sie, Sie Flanken …" - Frankenstein hatte er sagen wollen, aber Quä Li legte ihm die sehnige Hand auf den Mund und schob ihn in den Bau am Ende des Platzes. "Spätel wil leden."

Das möchte dem Chinesier passen, dachte Speckbrot. Kaum war der Trainer verschwunden, griff er seine Tasche und schlich auf den Flur. Alles war still, bis auf ein sinistres Schaben und Schlotzen, das aus der Toilette drang. Speckbrot linste hinein. Elf Männer in kurzen Hosen und Oliver-Kahn-T-Shirts rutschten auf Knien herum und schrubbten mit Zahnbürsten die Urinale. Jetzt oder nie, dachte der Doktorand. Er zog eine Walter PKK aus der Tasche, prüfte das Magazin und stürmte unter wildem Gebrüll das WC. Dem Erstbesten rammte er eine Spritze durch die Hose, den Rest zwang er mit vorgehaltener Waffe in Retorten zu pinkeln. Die Beute unter dem Arm hastete er zurück in seine Kammer und warf die Analyse-Gerätschaften an. Auf Speckbrots Gesicht glühte Triumph, wie er ihn sonst nur verspürte, wenn er der Pekingoper "Die Konkubine des Affenkönigs" lauschte: "Nach dem Essen habe ich den Befund."

Doch als er den Speisesaal betrat, wurde ihm flau im Magen. Diesmal würde er kein Pudelsandwich herunterbekommen. Neben dem grinsenden Quä Li saß niemand außer den Toilettenmännern. "Dalf ich volstellen? Schlechteste Kickel von Welt! Chinas Fußballteam. 0:6 gegen Bulma, 0:11 gegen Noldkolea. Gesteln angeleist, heute stlafputzen Klo." Der Doktorand erbleichte. Der Schurke hatte ihm eine Falle und dem Westen wieder mal eine Nase gedreht. Wer so schlecht spielte wie Chinas grauenerregende Fußballer, konnte nicht gedopt sein. Gedemütigt warf Speckbrot die A- und B-Proben in den Min Fluss und bestieg den nächsten Zug, der widerwärtig nach ranziger Yakbutter stank.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de