die wahrheit: Frühlingserbrechen

Der Frühling kommt und mit ihm erwacht die Libido. Warum Männern derzeit bei rhythmischen Klopfgeräuschen nach wenigen Stunden die Enzyme durchgehen.

Bei den ersten Sonnenstrahlen fließt der Sabber links und rechts. Bild: ap

Es ist, oder besser: scheint geschafft. Der Winter ist durch. Und der mit dessen Verschwinden auch in diesem Jahr überraschenderweise der profanen Chronologie der Jahreszeiten folgende Frühling hämmert quasi von einem Tag auf den anderen um Einlass wimmernd euphorisch an der Tür - und macht alle Paarungswilligen ob der rhythmischen Klopfgeräusche schon nach wenigen Stunden ganz wuschig.

Denn kaum kratzen erste Sonnenstrahlen kokett übers Fußgängerzonenpflaster und erste frech angeschwitzte Achselhaare ölen kess aus Spaghettiträgertops, schon bleibt als scheinbar einzig relevante Überlegung, ob man sich seinen Sabber lieber rechts oder doch eher links aus den Mundwinkeln tropfen lassen soll - jedenfalls als Mann.

Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass dem Autor schon gestern Abend, nahezu unisono mit der gefühlten Frühlingsinvasion, eine Freundin von einem Erlebnis berichtete, das so wunderbar in jene libidogestählte Übergangszeit passt, dass man es auch sofort freudig erregt der ganzen Welt entgegenerzählen möchte.

Besagte Freundin war also mit dem Zug unterwegs, als sie ein ihr gänzlich unbekannter Mann noch im Bahnabteil spontan zum sofortigen Beischlaf einlud. Nun ist jene Dame eine ausgesprochen attraktive und dergestalt ein solcher Wunsch auch durchaus nachvollziehbar, doch seine Begründung geriet dermaßen abenteuerlich, dass die Veranstaltung schon aus Gründen der intellektuellen Abgründe, die sich da nur allzu offensichtlich auftaten, bereits unwiderruflich im Vorfeld scheitern musste.

Rechtfertigte der Herr doch ab- und anschließend sein rhetorisch nur mäßig geschmeidiges Vorgehen und damit gleichsam nicht zuletzt auch seine Gesamtlüsternheit mit den ja an und für sich alles verzeihenden Worten: "Bei so einem Wetter gehen immer die Enzyme mit mir durch."

Dass der Frühling als solcher eine Zeit ist, in der wahrlich die seltsamsten Fragwürdigkeiten furchtbare Gestalt annehmen, lässt sich aber schon allein anhand einer einzigen Unsitte dokumentieren, die der Autor schon seit Jahr und Tag analytisch zu ergründen versucht, die ihm aber nach wie vor erheblich zu rätseln gibt - ist der Lenz doch zweifellos jene Zeit, in der sich auf den ersten Blick scheinbar vollkommen normale Menschen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, erstmals im Jahr ihre Sonnenbrillen hoch oben auf den Gipfelpunkt des Kopfes, weit oberhalb der Augenbrauen, packen, wo sie, die Brillen, ja nun tatsächlich keinerlei ersichtliche Funktion erfüllen, und dort wahrscheinlich gerade mal noch dazu taugen, das Vakuum im Schädelinneren wenigstens notdürftig abzuklemmen.

Was aber, mag man sich unwillkürlich fragen, soll das denn bitteschön signalisieren? Man ist zum Koitus bereit, wenn auch bezüglich alltäglicher Übungen wie Brille aufsetzen in einer feinmotorischen Diaspora gefangen? Und ist der Frühling nicht auch die Zeit, in der junge männliche Erwachsene geradezu grotesk kopulationsbereit ganzkörpererigiert durch die Straßen balzen, so tun als ob - ganz egal was - und jeder auch nur halbwegs ansehnlichen Dame rücksichtslos hinterherhurraen? Doch auch hier gilt es, die subtilen Grenzen zwischen Romantik, Kitsch und postpubertärer Peinlichkeit genauestens auszuloten.

Denn auch uns Alten widerfährt ja noch so manches Mal der ein oder andere charmant gemeinte Lapsus. So kam der Verfasser zum Beispiel erst heute Morgen mit Trainingshose und bekleckertem Unterhemd bekleidet vom Bierholen, ließ sich elegant auf dem Küchentisch nieder, strich sich lässig das fettige Haupthaar aus dem Mund und bot der zufällig ebenfalls in seiner Küche anwesenden, Geschirr abwaschenden Dame ein leckeres lauwarmes Büchsengetränk an.

Quittiert wurde die Offerte mit den Worten: "Jetzt werd mah hier nich schon am frühen Morgen romantisch, du Arsch." Da kann man wieder einmal sehen, dass man es einerseits den Damen nur äußerst schwer recht machen kann und andererseits selbst den Routiniertesten bisweilen die Enzyme durchgehen.

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kari

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