die wahrheit: Perspektiven des Kinderfernsehens

Weltmanns Ansichten: "Jeder braucht eine Stube für seine Zahnpastatube", "Irgendjemand muss das Nilpferd streicheln" oder ...

... "Schneemänner arbeiten in der Regel als Schornsteinfeger" - lange Zeit kreiste das hiesige Kinderfernsehen um Themen, deren pädagogischer Wert fragwürdig erschien. Trauriger Höhepunkt war schließlich die Serie "Die Dinge sind nur deshalb interessant, weil sie unübersichtlich und schwer zu durchschauen sind."

Einen völligen Kontrast dazu bot schon früh das ausländische Fernsehprogramm. Erfolgsformate wie das heiter-nachdenkliche "Eine Tüte Cornflakes und Virginia Woolf versuchen ihrem Leben einen Sinn zu geben", das ernste und zugleich anschauliche "James Joyce erklärt die Philosophie von Wittgenstein mit Hilfe von Zahnputzbechern und einem großen Plüschpinguin" oder das verspielt-reflexive "Wir übernachten in einer Tiefkühltruhe und basteln Ausschneidebögen zu Marcel Proust" zeugten von einem ganz anderen Anspruch medialer Erziehung.

Nach einer Sendung mit Prinz Charles wussten Zöglinge aus englischen Kindergärten schon im Alter von vier Jahren, dass schockgefrorene aufblasbare Kühe eine geringere Reaktionszeit besitzen als ausgetretene Fußmatten aus walisischem Pferdehaar. Eine anerkannte Lehrmeinung, die wir lange Zeit nicht einmal unseren Abiturienten abverlangen konnten.

Stattdessen sahen wir bei uns schlichte Fernsehsendungen wie "Tauben verschwinden in der Nacht", "Ein Keks für den Teebeutel" oder "Meerschweinchen taugen nicht als Schwerkraftersatz". Kritik begegnete man mit dem Vorwurf, junge Menschen würden zu laut denken, sowie dem Ausspruch, Kinder seien in Zukunft keine Kinder mehr und würden dann vieles von alleine lösen.

Erst zu Beginn der achtziger Jahre bemühte man sich um Abhilfe, als das ZDF die dem haptischen Erkenntnisvermögen angepassten Sendungen "Sandburgenbau mit Schopenhauer", "Dostojewskis Schule des Lehms" sowie "Falsifikation und Versifikation basteln ein Gartenhaus unter Anleitung von Adorno" zeigte.

Die ARD konterte mit "Klaus Kinskis Abenteuer in der Knetgummiecke", "Kalle Rummenigge erklärt das Zahnfleischbluten beim Heilbutt" sowie "Selbstkritische Murmeln im Gespräch mit Reinhold Beckmann". Alles Sendungen, die zunächst einen Rückfall in alte Zeiten darstellten.

Schnell wurde dies aber durch die Beiträge "Formen zunehmender Selbstwahrnehmung und Wursthaut-Abpellen mit Franz Kafka" (RBB), "Die Kuschelecke als die Idee unversehrter Intersubjektivität mit Jürgen Habermas"(MDR) sowie Thomas von Aquins "Gott ist tot, aber er hat eine schöne Stimme, wenn er ,Yesterday' singt" (Radio Bremen) wieder wettgemacht.

Inzwischen zeigen sich erste Erfolge: So gibt es im Vergleich zu 1975 23 Prozent weniger Zahnärzte, die Metaphern als Symbole benutzen, 69 Prozent von ihnen verfolgen nachweislich das Kinderfernsehen. Und auch die Ausstrahlung von "Das Nicht-Sein des Nicht-Seins ist das Sein" präsentiert von Stephanie zu Guttenberg ist zum Glück längst eine Selbstverständlichkeit.

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kari

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