die wahrheit: Gefiederte Tränen

Wer die Zweizimmerwohnung von Rolf F. betritt, wird sofort erkennen, dass hier etwas anders ist. Ein beißender Gestank schlägt einem schon im Treppenhaus entgegen...

Ihren kleinen gefiederten Freunden lassen Wellensittichliebhaber aber auch jeden Streich durchgehen. Bild: ap

...mit viel Glück kann man es gerade noch verhindern, dass einem unzählige Wellensittiche in die Augen picken. Der Eintritt in das Heim des fröhlichen Wuppertalers hat etwas von einer Szene aus Hitchcocks "Die Vögel".

Doch Rolf F. begrüßt einen so herzlich, als würde er seine gefiederten Mitbewohner gar nicht mehr wahrnehmen. Gekonnt macht er, mit den Armen eine Schneise durch den Flügeldschungel schlagend, den Weg ins Wohnzimmer frei, in dem er schon eine gemütliche Kaffeerunde vorbereitet hat. Das haben auch die über 2.000 Wellensittiche mitbekommen, die mit ihm zusammenleben. Sie hocken in den Tassen, machen sich über das bereitgestellte Gebäck her und lassen ihrer Verdauung freien Lauf. So wie in der ganzen Wohnung. Rolf F. aber benötigt nur ein paar Handbewegungen, und der Tisch ist frei.

Diesen Mann kann nichts aus der Ruhe bringen. Lächelnd erklärt er sein Zusammenleben mit den Wellensittichen: "Man muss ihnen nur sagen, dass hier jetzt kein Platz für sie ist, dann sind die auch gar nicht böse." Der bleiche Mittvierziger setzt sich in seinen Sessel und holt tief Luft. Zu tief. Schon hat er einen der Vögel im Mund. "Das kann schon manchmal passieren. Ich finde das aber witzig. Stellen Sie sich nur mal vor, ich wäre meiner anfänglichen Vorliebe für Dachse gefolgt."

Die Stimmung ist ausgelassen. Doch Rolf F. kann nicht verbergen, dass ihm seine Wellensittiche auch Probleme bereiten. Nachdenklich schaut er auf den zugekoteten Wohnzimmerteppich. "Es stimmt schon. Ich habe sehr viele Wellensittiche. Irgendwann habe ich den Überblick verloren." Das führt ihn zu seinem Hauptproblem: "Es hat lange gedauert, bis ich eine Frau zu mir einladen konnte."

Rolf F. gehört zu einer stetig wachsenden Anzahl von Menschen, die sich mit Tieren umgeben, weil sie keinen Anschluss an Menschen finden. Wenn sich dann noch das Umfeld des Tier-Messis abschottet, ist die Einsamkeit vorprogrammiert. Viele Versuche habe er benötigt, erzählt Rolf F., bis er endlich eine nette Frau gefunden hat, die ihn mit all seinen Wellensittichen nehmen wollte. "Die Barbara, die habe ich beim Wellensittichstammtisch ,Der Wellensittichstammtisch' kennengelernt. Das war Liebe auf den ersten Piep."

Während Rolf F. liebevoll von seiner Gefährtin erzählt, landen mehrere Vögel auf seinem Kopf und zupfen an seinen grauen Haaren. "Die Barbara hat auch zwei zu Hause. Ich habe angeboten, sie bei mir unterzubringen, damit sie neue Freunde kennenlernen, aber die Barbara möchte das noch trennen." Zudem wird sie, wie alle anderen Mitglieder seines Stammtischs auch, davon gehört haben, dass sich die Stadt Wuppertal des Falls Rolf F. angenommen hat. Bewohner des Mehrfamilienhauses beschweren sich seit Jahren über den Gestank und den Krach, der aus der Wohnung des liebesbedürftigen Vogelfreunds dringt. "Die gönnen mir einfach nicht, dass ich gut mit Tieren kann", wird er nun ganz vogelig.

In einer Mischung aus Wut und Angst schnappt er sich einen gefiederten Matz und drückt ihn sanft, aber mit erkennbarem Druck an seine Wange. "Da draußen die wollen nicht, dass ich glücklich bin. Die wollen, dass ich einsam bin, einsam und traurig. Aber ich werde niemals mehr traurig sein." Dann beginnt er zu weinen und seine Tränen mit dem nun aufgeregt zwitschernden Wellensittich zu trocknen.

Plötzlich klingelt es an der Haustür. "Barbara!", ruft Rolf F. verzückt und wirft den Sittich achtlos hinter sich. Dann springt er auf und sprintet, begleitet vom ohrenbetäubenden Zwitschern seiner Freunde zur Tür und reißt sie auf. Wäre er nicht schon blass, könnte man ihn nun totenbleich nennen. Energisch drängt ein acht Mann starker Trupp vom Ordnungsamt in seine Wohnung. Die Männer haben nur einen Auftrag: Vögel fangen und abtransportieren.

Erschüttert sitzt Rolf F. in seinem Sessel. Aus seinen Augen fließen nicht einmal mehr Tränen. Nur einmal verirrt sich ein Seufzer aus seinem Innersten an die Außenwelt. Es klingt wie "Tschiep". Denkt er an Barbara? Doch da hat uns einer der Vogelfänger längst leise zugeflüstert, dass es in Wuppertal gar keinen Wellensittichstammtisch "Der Wellensittichstammtisch" gibt.

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kari

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