die wahrheit: Der schwarze Hund von Lincolnshire

Engländer haben zurzeit nicht viel zu lachen. Die Wirtschaft steckt in der Krise, die Sportler bringen auch nicht viel zustande,...

...und das Wetter ist so englisch, wie man es gewohnt ist. In solchen Zeiten denkt der Engländer gerne an den Zweiten Weltkrieg zurück. Weil gerade kein Jubiläum zur Hand war, bot Halloween einen guten Anlass, mal wieder den damaligen Triumph aufleben zu lassen.

Ausgelöst wurde die Sache diesmal durch Nigger. Das war ein schwarzer Labrador, und er gehörte Oberstleutnant Guy Gibson. Der war Anführer der "Dam Busters", wie die 617. Staffel der Royal Air Force genannt wurde, weil sie im Mai 1943 mit speziell dafür entwickelten Rollbomben die Staudämme im Ruhrgebiet sprengte. Die Einheit gibt es heute noch, ihr Motto lautet passenderweise: "Nach mir die Sintflut."

Kurz bevor Gibson mit seiner Staffel 1943 zum Angriff startete, war Nigger von einem Kollegen versehentlich überfahren worden. Gibson hinterließ genaue Instruktionen, wo der Köter begraben werden sollte, bevor er in Scampton in Lincolnshire zu seiner Staudammattacke startete. Nigger wurde vor Gibsons Büro beigesetzt, damit er dem Tier weiterhin nahe sein konnte, und "Nigger" war auch das Codewort für den Angriff der Staffel.

Kurze Zeit später meldeten Soldaten, dass sie einen schwarzen Hund auf dem Luftwaffenstützpunkt gesehen haben. 1952 erklärte ein Kellner in Scampton, er sei dem "Phantomhund" ebenfalls begegnet. Und als 1987 eine Gedenktafel für die "Dam Busters" enthüllt wurde, machte ein Fotograf Bilder von der Feier. Zu seiner Überraschung entdeckte er einen schwarzen Hund auf den Fotos, nachdem er sie entwickelt hatte, obwohl kein solches Tier zu sehen war, als er das Foto aufgenommen hatte.

Als er diese Geschichte hörte, gründete Paul Drake die Organisation "Paranormal Lincolnshire" und bemühte sich um die Erlaubnis, auf dem Luftwaffenstützpunkt, auf dem inzwischen auch das RAF-Museum steht, Nachforschungen anzustellen. Schließlich bekam er die Genehmigung, mit seiner paranormalen Truppe das Gelände mit Hilfe von Geistersuchgeräten, Infrarotlicht, Bewegungsmnelder und Videokameras zu untersuchen.

Vorige Woche, pünktlich zu Halloween, legte er das Ergebnis vor: Der Geist des Hundes habe versucht, mit ihnen zu sprechen. "Als wir riefen, ob jemand da sei, schlug das Messgerät für elektromagnetische Felder aus", sagte Drake.

Gibson überlebte den Zweiten Weltkrieg übrigens ebenso wenig wie sein Hund. Er wurde 1944 über den Niederlanden abgeschossen. Im vorigen Monat fiel Historikern eine Tonbandaufnahme in die Hände, die der englische Soldat Bernard McCormack kurz vor seinem Tod 1992 aufgenommen hatte.

Es ist sein Geständnis, dass er für den Abschuss des Kriegshelden verantwortlich war, weil er dessen zweimotorige Mosquito mit der deutschen Junkers 88 verwechselt hatte. Gibson ist also wie sein Köter von den eigenen Leuten erledigt worden. Vielleicht taugt der Fall doch nicht so recht, um die Moral der Engländer in diesen schwierigen Zeiten zu heben.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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