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die sache istDer richtige Dreh fürs halbe Format“

Das Halbbildformat blieb eine Episode in der Geschichte der Fotografie: Gegenwärtig erlebt sie ein medienkritisches Comeback

Foto: Maria Toumazou/Overbeck Gesellschaft

Wenn wir heute mit der preiswerten Digitalkamera Bilder machen oder den Handyspeicher mit Selfies füllen, kostet das nicht mehr sehr viel. Wir vergessen dann schnell, dass die Fotografie ursprünglich eine sündhaft teure Angelegenheit war. Man­che:r hat vielleicht noch den historischen Fotografen, seltener die weibliche Fotopionierin, vor Augen, der hinter einer riesigen, hölzernen Kamera agierte. Die verschwanden unter einem Tuch, um das auf dem Kopf stehende Motiv auf die „Platte“ zu bannen. Dieses Negativ-Verfahren stellte um 1850 bereits eine epochale Neuerung dar. Anfangs, um 1830, konnten in der Regel nur einzelne Positiv-Unikate fotografisch erstellt werden, etwa als Daguerreotypien.

Typische Negative waren Glasplatten, mit einer lichtempfindlichen Emulsion beschichtet, die geringste Größe waren 5 mal 7 Zentimeter, die meisten nahmen deutlich mehr Fläche ein. Schwer, sperrig, zerbrechlich, schwierig zu bedienen und obendrein sehr kostspielig: Das charakterisierte lange viel mehr die Fotografie als die Frage, ob sie denn pure Abbilder liefere oder doch ein Medium sei, das künstlerischen Spielraum ermöglicht.

Eine echte Revolution in der Fotografie war die Erfindung des Films aus Zelluloid in den späten 1880er-Jahren: Alles wurde etwas erschwinglicher, die Kamera handlicher. Der nächste Schritt: der Kleinbildfilm in 35 mm Breite, mit beidseitiger Perforation für den Filmtransport – entwickelt für den Stummfilm, wo er Standard wurde. In den 1920ern gab es Versuche, ihn auch für die Fotokamera zu verwenden. Das Stummfilmformat von 18 wurde auf 36 mal 24 Millimeter verdoppelt. Und während er in der Filmkamera senkrecht das Objektiv passiert, wurde der Zelluloidfilm für die Fotografie „quer gelegt“, er läuft also horizontal durch den Apparat. Das heißt: Wird ein liegendes Format belichtet, wird der Fotoapparat waagerecht gehalten, für ein Hochformat musste er um 90 Grad gedreht werden.

Aber das Filmmaterial für 36 Bilder einer üblichen Patrone war immer noch nicht ganz billig. Um Kosten zu optimieren, kam in den 1960ern die Idee des Halbbildes und der Halbformatkamera auf. Sie bedeutete den Rückgriff auf die Bildgröße des Stummfilms, also 18 mal 24 Millimeter. Dadurch verdoppelte sich die Bildanzahl einer Patrone auf 72 Aufnahmen. Mit speziellem Schwarz-Weiß-Dünnfilm waren sogar 114 möglich.

Aber was hieß das nun für die Fotografie? Zuerst einmal: Es wurde zurückgedreht! Für das liegende Bildformat musste die Kamera nun senkrecht, für das stehende Bild waagerecht gehalten werden. Ungewöhnlich also. So ungewöhnlich, dass sich diese Technik, obwohl selbst renommierte Kamerahersteller entsprechende Modelle auf den Markt brachten, nicht durchzusetzen vermochte.

Doppel-Ausstellung Maria Toumazou, Half Frame, St.-Petri-Kirche Lübeck, bis 21. 3., und Overbeck-Pavillon Lübeck, bis 27. 4.

Für Kunstschaffende scheint diese Nischentechnik als Medienkritik jetzt reizvoll. Denn das Halbformat markierte einen Kipppunkt: Auf höhere Bildausbeute getrimmt, könnte es zum beliebigen, da preiswerten, „Knipsen“ animiert – und den Weg für unsere aktuelle, massenhafte Bildproduktion frei gemacht haben. Die syrische Künstlerin Maria Toumazou, die in Lübeck eine Doppelausstellung bestreitet, greift für ihre Bilder auf diese Fototechnik – und das prä-fotografische Camera-obscura-Verfahren – zurück. Sie bezieht sich dabei allerdings auf die englische Bezeichnung „Half Frame“. Der „Rahmen“, den dieses Format festlegt, interessiert sie für die bewusste Komposition ihrer Fotografie als Abfolge von Halbbildern. Die Oberlichter des Overbeck-Pavillons, eine neusachliche Architektur aus den 1930ern, korrespondieren jedenfalls perfekt damit. Bettina Maria Brosowsky

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