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die erklärungDer Wirtschaft geht es besser als behauptet

Was ist dran am Krisengerede der Lobbyverbände? Und bringen Sozialreformen wirklich die Volkswirtschaft in Schwung?

Von Simon Poelchau

1 Krise, Krise, Deutschland befinde sich in einer Krise, heißt es immer wieder. Und die Lobbyisten warnen, dass die Bundesregierung ihre Reformen durchziehen muss, wenn die Wirtschaft nicht den Anschluss verlieren soll. Wie schlimm ist es wirklich?

In der Tat ist die deutsche Wirtschaft lange nicht mehr spürbar gewachsen. Die Einbrüche während der Coronapandemie und der Energiepreiskrise konnte sie bisher nicht kompensieren, zeitweilig schrumpfte sie sogar. Wäre die Wirtschaftsleistung seit 2020 so gewachsen wie in den zehn Jahren davor, wäre sie jetzt um 11 Prozent höher. Für einen durchschnittlichen Haushalt in Deutschland bedeutet das einen jährlichen Einkommensverlust von rund 12.000 Euro, rechnet der Ökonom Tom Krebs in seinem gerade erschienenen Buch „Kapital und Krise“ vor. Doch in letzter Zeit scheint sich die Stimmung unter den Kon­junk­tur­ex­per­t*in­nen zumindest etwas aufzuhellen.

„Die Situation ist besser, als es die öffentliche Diskussion vermuten lässt“, sagt etwa der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. Er veröffentlichte vor ein paar Tagen eine neue Prognose. Darin geht er von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent in diesem und 1,4 Prozent im kommenden Jahr aus. Zum Vergleich: Im Juni traute das IMK der deutschen Wirtschaft lediglich ein Plus von 0,6 beziehungsweise 0,9 Prozent zu. Andere Öko­no­m*in­nen haben in ähnlichem Maße ihre Prognosen angehoben.

2 Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und den Milliarden fürs Militär lenkt die Bundesregierung riesige Mittel in die Wirtschaft. Ist das nicht einfach Aufschwung auf Pump?

Natürlich sorgt auch der Staat für Aufschwung, wenn er in Straßen und Co investiert. Damit erneuert er die Infrastruktur und bringt Geld in den Wirtschaftskreislauf. Auch die Milliarden fürs Militär fließen weitgehend in deutsche Konzerne. Allerdings sind laut den Ex­per­t*in­nen nicht die gestiegenen Staatsausgaben der Grund für die bessere Stimmung. Zunächst liegt sie an einem schnöden statistischen Effekt: Das Statistische Bundesamt revidierte seine Daten. So fiel die Rezession 2024 leichter aus als bisher angenommen. Und auch sonst zeigte sich für die Öko­no­m*in­nen durch die Revision ein positiveres Bild der wirtschaftlichen Entwicklungen.

Vor allem aber überraschte die Exportwirtschaft positiv. Hiesige Firmen konnten im ersten Halbjahr 2026 Waren im Wert von 817,8 Milliarden Euro ins Ausland verkaufen. Das ist ein Plus von 3,9 Prozent. Besonders im europäischen Ausland war „Made in Germany“ gefragt. Das konnte wettmachen, dass die Wirtschaft nach wie vor mit US-Zöllen und wachsender Konkurrenz aus China zu kämpfen hat.

3 Gibt es auch Risiken für den Aufschwung?

Das größte Risiko ist derzeit der Krieg im Nahen Osten. Denn er treibt die Energiepreise nach oben. „Wir werden eine höhere Inflation haben als bisher gedacht“, sagt Dullien. Anfangs waren seine Kol­le­g*in­nen und er noch von einem raschen Ende des Irankriegs ausgegangen. Doch das tritt offenbar nicht ein. Die Folge: Die Energiepreise steigen wieder. In den letzten Tagen stiegen die Preise an den Zapfsäulen wieder auf Rekordwerte. Dies belastet Unternehmen und Ver­brau­che­r*in­nen nicht nur direkt. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte im Kampf gegen die Inflation die Zinsen wiederum anheben. Dies machte sie seit dem Beginn des Irankriegs schon zwei Mal. Zwei bis drei weitere Zinsschritte könnten noch folgen und so Kredite für Firmen und die öffentliche Hand verteuern. Bundeskanzler Friedrich Merz hat neue Entlastungen versprochen.

4 Volkswagen will Stellen abbauen, auch die anderen deutschen Autobauer wollen sparen. Steckt die deutsche Industrie nicht doch in einer schweren Krise?

Die Krise der deutschen Wirtschaft ist in erster Linie eine Krise der Industrie. Und die Autobranche ist deren wichtigste Branche. Insofern ist es auch ein Problem für die gesamte Konjunktur, wenn ein Unternehmen wie Volkswagen kriselt und allein im ersten Halbjahr rund 280.000 Autos weniger absetzen konnte als ein Jahr zuvor. Denn die Krise der Autobauer wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Im ersten Halbjahr ging die Zahl der Beschäftigten in der Branche um 5,8 Prozent auf 691.500 Personen zurück. Das ist der tiefste Stand seit 2005. Insgesamt gingen in der ersten Jahreshälfte 2026 im verarbeitenden Gewerbe 144.100 Jobs verloren. Es gibt aber auch Lichtblicke: Zum einen läuft bei den deutschen Autobauern das Geschäft mit Elektrofahrzeugen endlich an. Zum anderen gibt es auch Zweige, in denen die Stimmung recht gut ist. Und das nicht nur in der Rüstungsindustrie, die derzeit von staatlichen Aufträgen profitiert. Anlässlich der bevorstehenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall eine Befragung durchgeführt. Sie ergab ein durchaus differenziertes Bild der Lage in der mit rund 3,7 Millionen Beschäftigten wichtigsten Industriebranche Deutschlands. Demnach gab zwar je­de*r fünfte Befragte an, dass die wirtschaftliche Lage des eigenen Arbeitgebers schlecht oder sehr schlecht sei. Die Hälfte bezeichnet die Situation im Betrieb aber als gut oder sehr gut.

5 In welchen deutschen Industriebereichen läuft es denn besser?

Besonders positiv bewerteten die Beschäftigten die Lage in Betrieben der Luft- und Raumfahrt, der Rüstung, des Schiffsbaus, der Medizintechnik oder der Energieerzeugung. Zudem konnten hiesige Firmen offenbar vom KI-Boom in den USA profitieren. So mauserte sich etwa der Laserspezialist Trumpf zum wichtigen Zulieferer der Chipindustrie. Auch der DAX-Konzern Siemens Energy profitiert vom Bau neuer Rechenzentren. Weil diese in den USA den Strombedarf in die Höhe treiben, boomt derzeit sein Geschäft mit Gasturbinen.

6 Sollte die Bundesregierung die angekündigten Sozialreformen überhaupt durchziehen, wenn es doch gar nicht so schlecht läuft in der Wirtschaft?

Vor der Sommerpause kündigte die Bundesregierung umfangreiche Reformen des Sozialstaats an wie die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 sowie Einschnitte bei der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Die Wirtschaftsverbände fordern, dass diese Reformen nun umgesetzt werden. Doch Ökonom Dullien warnt: „Die Sozialstaatsdebatte ist nicht förderlich für die konjunkturelle Erholung.“ Er verweist auf eine Umfrage, die sein Institut durchführen ließ. Demnach schränken 42 Prozent der Befragten bereits ihren Konsum ein, weil sie sich wegen der Sozialstaatsdebatte Sorgen um ihre finanzielle Absicherung machen. Und diese Konsumzurückhaltung drückt wiederum auf die Konjunktur.

7 Was wäre denn die Alternative zu den Sozialreformen?

Sebastian Dullien sagt: „Deutschland hat keine klassischen Probleme bei preislicher Wettbewerbsfähigkeit.“ Deswegen bringe es nichts, wenn die Beschäftigten für dasselbe Gehalt länger arbeiteten, wie es manche Arbeitgeber derzeit fordern. Stattdessen seien die aktuellen Probleme Folgen externer Schocks – bei den Energiepreisen und durch den Protektionismus in China und den USA. „Deswegen braucht es statt Lohnkostensenkungen eine entschiedenere Industriepolitik“, sagt Dullien. In diesem Rahmen müssten die europäischen Märkte stärker vor unfairer Konkurrenz geschützt werden. Etwa durch Schutzzölle oder durch gezielte Förderungen bestimmter Industrien.

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