der anstoß: Wo der Protest wirklich begann
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Die Plakate in der Hand, springen die Schüler*innen auf und ab, sie tanzen und jubeln und rufen gemeinsam: „Il est temps de nous écouter“ – „Es ist an der Zeit, uns zuzuhören.“ Das zeigen Aufnahmen von Ende September auf Mayotte, einer der Überseeregionen Frankreichs vor der Küste von Madagaskar. Die schlechte Lernsituation der Schüler*innen habe viel zu lange kaum Gehör gefunden.
Auch dieser Protest sollte im Vergleich zu anderen kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen. Dabei haben hier die Demonstrationen begonnen, die bald schon ganz Frankreich erfassen würden – noch weit vor den Protesten in Créteil, einem Vorort von Paris, der medial immer wieder als Startpunkt der Proteste beschrieben wird.
Es begann mit dem Lycée du Nord, die Schule liegt in der Gemeinde Acua auf Mayotte. Seit dem 31. August platzieren sich morgens hier die Mütter der Schüler*innen auf dem Parkplatz vor den Toren, um eine bessere Bildung für ihre Kinder einzufordern. Zwei Tage vor ihrer ersten Blockade sind die Lehrer*innen selbst in Streik getreten. Sie alle sind sich einig: Die Bedingungen an Mayottes Schule sind „unwürdig“.
Eigentlich ist im Lycée du Nord Platz für 900 Schüler*innen, doch inzwischen besuchen mehr als 2.000 Kinder die Schule. Unter den Bedingungen sind die Platzprobleme vorprogrammiert, und der Zyklon Chido, der im Dezember 2024 wütete, hat die Situation weiter verschärft.
Die Klassenräume sind zu klein, die Schule hat zu wenig Toiletten. Auf etwa sechzig Schüler*innen kommt ein Klo. „Unsere Kinder sitzen dicht gedrängt beieinander, die Klassenzimmer sind überhitzt, weil es zu viele sind, und die Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt“, kritisiert Moidjoumoi Madi, Mutter einer Schülerin, gegenüber der französischen Tageszeitung Libération. Doch damit nicht genug, sie protestieren gegen den Lehrkräftemangel und fordern eine Kantine.
Auch nachdem seit Mitte September die Proteste in ganz Frankreich den Blick auf den miserablen Zustand der Schulen landesweit gelenkt haben, ist man kaum auf die Bedingungen eingegangen, die abseits vom Festland herrschen. Fatima Mouhoussini erklärt gegenüber Libération: „In Frankreich fordert man zusätzliche Mittel. Hier fordern wir einfach nur Mittel, denn wir haben schlichtweg gar nichts.“ Mouhoussini ist Vizepräsidentin der FCPE in Mayotte, eines Verbands von Elternorganisationen. Die Region werde vernachlässigt und viele beklagen das Gefühl der Ungleichbehandlung im Vergleich zum französischen Festland, es heizt die Wut auf der Insel weiter an.
Als Reaktion auf die landesweiten Schulproteste kündigte der französische Bildungsminister Édouard Geffray Anfang Oktober den Einsatz von 3.000 Vertretungslehrkräften an. Sie sollen dort eingesetzt werden, wo der Lehrkräftemangel besonders akut ist. Ob von den Zugeständnissen auch die französischen Überseegebiete profitieren, ist noch unklar.
Der Protest der Mütter, der Lehrer*innen und Schüler*innen aus Mayotte hat nun Tausende junge Menschen überall in Europa auf die Straßen gebracht – auch wenn viele der Demonstrierenden sie und ihren Protest nicht mal kennen. Hanna Kastner
Wie beginnt Veränderung? An dieser Stelle erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.
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