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debatteDas Schwarze Frankreich

Eine neue Schwarze Mittelklasse in Frankreich kann bei den Parlamentswahlen Gewicht haben. Rassismus wird sich für die Rechte nicht auszahlen

Bally Bagayoko schrieb im März Geschichte. Er wurde in Saint-Denis, der zweitgrößten Stadt im Großraum Paris, zum ersten Schwarzen Bürgermeister gewählt. In der 150 000 Einwohnerstadt im Norden der französischen Hauptstadt leben vorwiegend Ar­bei­te­r:in­nen und ihre Familien, die aus Afrika stammen. Bagayokos Familie kommt aus dem westafrikanischen Mali, wo ein Bürgerkrieg tobt.

Bagayoko steht für Frankreichs neue und selbstbewusste Schwarze Mittelklasse. Er ist in Saint-Denis aufgewachsen und hat lange für das große städtische Verkehrsunternehmen RATP im Management als leitender Angestellter gearbeitet. Seit vielen Jahren engagiert er sich im Gemeinderat. In den vergangenen Jahren war Bagayoko als Mitglied der linkssozialistischen La France Insoumise (LFI), stellvertretender Bürgermeister gewesen.

Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass vielen Schwarzen der soziale Aufstieg in der französischen Klassengesellschaft – anders als Bagayoko – nicht gelingt. Das hat auch mit dem Rassismus zu tun, der Schwarze Menschen in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – sei es auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder im Umgang mit Behörden – benachteiligt.

Nach seinem Sieg entbrannte eine heftige Diskussion um Bagayoko. Man brachte ihn mit Drogenhandel, der in Saint-Denis grassiert, in Verbindung. Und mit ethnischem Separatismus, einem Kardinalverbrechen im republikanischen Frankreich, das so tut, als ob die Republik farbenblind sei, als ob jeder und jede gleiche Chancen hätte, als ob es Rassismus und Diskriminierung nicht gäbe. Eine Fernsehjournalistin hatte Bagayoko in einem Interview missverstanden.

Fatales Missverständnis

Sie hatte „la ville des noirs“ (Die Stadt der Schwarzen) verstanden, obwohl er „la ville des rois“ (Die Stadt der Könige) gesagt hatte. In der Kathedrale von Saint-Denis liegen viele Könige begraben, davon hatte Bagayoko gesprochen und nicht, wie manche gerne verstehen wollten, dass die Stadt nun den Schwarzen gehöre. Wer von ethnischen Identitäten in Frankreich spricht, wird schnell mit Islamisten in Verbindung gebracht. Einem sicheren politischen Todesurteil, in einem Land, das von schweren islamistischen Anschlägen erschüttert wurde.

Bagayoko wehrte sich gegen die wütenden Angriffe. Gegen den Fernsehsender CNews ging er sogar juristisch vor. Dort hatten ihn von Journalisten in einer Sendung rassistisch beleidigt. CNews gehört zum Medienimperium des Oligarchen Vincent Bolloré. 2022 hatte er den rechtsextremen Kandidaten Eric Zemmour bei den Präsidentschaftswahlen unterstützt. Heute unterstützt er mit seinen Medienhäusern Jordan Bardella, den Präsidenten des rechtsextremen Rassemblement National.

Bagayokos Fall zeigt einmal mehr, dass selbst gelungene Integration in die französische Gesellschaft nicht vor rassistischen Angriffen schützt. In Frankreich bricht der im Kolonialismus eingeübte Rassismus, der die kolonialen Untertanen als minderwertig behandelte, sich immer dann Bahn, wenn Schwarze Menschen an herausgehobenen Stellen in Institutionen oder auch in der Öffentlichkeit auftreten, wo sie nach der Meinung der Rassisten, die sich besser als in der Vergangenheit, auch mithilfe einflussreicher Männer wie Bolloré – organisiert haben, wegen ihrer Herkunft einfach nicht hingehören.

Bei der Eröffnung der Olympiade in Paris 2024 hatte es die Sängerin Aya Nakamura getroffen. Damals kritisierte Marine Le Pen den von Emmanuel Macron vorgeschlagenen Auftritt der Sängerin als Zumutung für die Franzosen, weil die Schwarze Sängerin ihrer Meinung nach nicht einmal richtiges Französisch singe. Im Falle Bagayoko geht es um mehr als nur um Rassismus. Es geht auch um die Präsidentschaftswahlen im Mai 2027. La France Insoumise, an deren Spitze seit vielen Jahren der umstrittene Linkssozialist Jean-Luc Mélenchon steht, ist erstaunliches gelungen: die Mobilisierung der Ar­bei­te­r:in­nen in den Vororten der Großstädte.

Armin Osmanovic

Armin ­Osmanovic

ist Autor des im Mai bei Wallstein erschienenen Buchs: Vom Kolonialismus zum „Schwarzen Frankreich“. Eine Geschichte Frankreichs und seiner ehemaligen Kolonie Französisch-Westafrika.

Neues, diverses Frankreich

Mélenchon setzt der rechten Identitätserzählung, wonach das „ewige Frankreich“ vor Zuwanderung und dem Verrat der Eliten gerettet werden muss, ein alternatives Projekt gegenüber, das ebenfalls auf die Identität abzielt. Er nennt es „la nouvelle France“ (Das neue Frankreich), worunter er ein diverses Frankreich versteht. Bis in die 1980er Jahre hatte die französische Arbeiterschaft mehrheitlich links gewählt.

Mit den Wirtschaftskrisen begann der Aufstieg der Rechtsradikalen, weil viele Ar­bei­te­r:in­nen aus Enttäuschung von der Linken davon liefen. Dort aber, wo – wie in Saint-Denis oder in vielen anderen Vororten der Metropolen Paris, Marseille und Lyon – die Mehrheit der Menschen aus den ehemaligen Kolonien in Afrika sowie aus den Überseegebieten in der Karibik und im Indischen Ozean stammt, ist es Mélenchon in den letzten Jahren gelungen, Wäh­le­r:in­nen für sich zu gewinnen.

Der Rechten dämmert es, dass das Schwarze Frankreich ihnen die Machtübernahme versperrt

Es gibt nur Schätzungen, wie groß das „Schwarze Frankreich“ ist, da in Frankreich keine offiziellen Datenerhebungen auf Basis von Herkunft und Religion erlaubt sind. Drei bis fünf Millionen Menschen, vielleicht auch sieben, könnten es sein. Dazu kommen noch viele Millionen arabischstämmige Franzosen. Vor zwei Jahren trat der Präsident des RN, Jordan Bardella zu den vorgezogenen Parlamentswahlen an. Im Wahlkampf war er mit großer Selbstsicherheit aufgetreten. Er sah sich schon als neuer Premierminister Frankreichs. Nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse trat er bedröppelt vor die Kameras.

Zum ersten Mal nach vielen Jahren waren die sieggewohnten Rechtsradikalen empfindlich geschlagen worden. Frankreichs Schwarzer Fußballstar Kylian Mbappé hatte seinen Anteil an der Niederlage Bardellas. Er hatte die jungen in den Vororten aufgerufen gegen das rassistische Projekt des RN zur Wahl zu gehen. Die rassistische Wut auf Bagayoko ist die Folge. Der Rechten dämmert es, dass das „Schwarze Frankreich“ ihnen wohl die Machtübernahme versperrt.

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