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berliner szenenMisterSpockim 255er

Live long and … wie heißt das?“, ruft er. Er hat uns schon beim Einsteigen gesehen. Wir tun so, als meinte er nicht uns. Der Bus ist fast leer. Wochenende, vor zehn. Wer nicht muss, sitzt hier nicht drin.

Er beobachtet uns von den Plätzen hinter der Mitteltür aus. rot geäderte Augen, Jacke, offen, Kragen hoch. Er ist der letzten Nacht entkommen, aber sie ist ihm auf den Fersen. Er spreizt die Finger. „Come on, mate.“ Ich soll es ihm nachmachen, die Sache mit der Hand. Ob er uns in Ruhe lässt, wenn ich die Geste mache, will ich wissen. Er nickt.

„Aber wie heißt das?“ Ich antworte: „Live long and prosper.“ Und dass Mister Spock das in „Star Trek“ sagt, dazu eben die Geste. Ich habe sie als Kind geübt, stundenlang, bis ich sie mit beiden Händen konnte. Ich kann sie immer noch. Also spreize ich Mittelfinger und Ringfinger, so weit es geht. Er lächelt. Ich lächle zurück, obwohl ich das nicht will.

„Ja, genau! Prosper!“, ruft er und haut mit der flachen Hand auf den Sitz neben sich. Was das auf Deutsch heißt. „Ich kann mich nicht erinnern.“ Ich lüge. „Ach, fuck it.“ Ich soll auch die andere Hand nehmen, sagt er und lacht so schallend, dass es seinen schmalen Körper aus dem Sitz hebt.

Der Bus biegt am S-Bahnhof Pankow in die Berliner Straße. Er hebt die Hände, sagt: „I’m no danger to society. Nur sturzbesoffen.“ Er redet weiter. Davon, dass sein Vater bei der britischen Botschaft arbeitet, dass er da regelmäßig untersucht wird. Nun kommt er mir winzig vor.

Wir schweigen das erste Mal bei dieser Fahrt. Pankow Kirche müssen wir raus. Als der Bus wieder anfährt, klopft er an die Scheibe. „Live long an prosper“, formt sein Mund. Ich hebe die Hand und sage tonlos: „Du auch.“ Ich hätte sehr gern seinen Namen gewusst.

Klaus Esterluss

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