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berliner szenenDie Weddinger Rampensau

Man kennt sie nur zu gut, die animalischen All-Stars des Berliner Stadtbildes: den Fuchs, den Waschbären, den Reiher, die Flusskrebse. Aber mit der heutigen Begegnung hätte ich im Leben nicht gerechnet. Ich schlendere nichts ahnend durch den verkehrsberuhigten Teil des Kiezes, als fünf Meter neben mir eine Frau aus einem Kleinbus steigt. Sie öffnet die große Seitentür und heraus springt etwas, das ich im ersten Augenblick für einen großen, seltsam geformten Hund halte. Als der jedoch grunzt, statt zu bellen, wird mir klar – das ist kein Hund. Fast einen Meter hoch und schwarz wie die Nacht hüpft nun ein überaus fröhliches Schwein über den sandigen Parkplatz.

„Tatjana!“, ruft die Frau es zur Ordnung. Es läuft zu ihr, kriegt ein paar letzte Instruktionen samt Streicheleinheiten, dann höre ich nur noch „Na los“, und das Schwein – rast los. Direkt auf mich zu. Mit aller Kraft, die ein hochmotiviertes Schwein so aufbringen kann. Okay, das war’s, Tod durch Schwein, denke ich, aber Tatjana rennt gekonnt an mir vorbei und schnurstracks den Gehweg runter Richtung Späti. „Tatjanaaa!“ springen dort sofort alle von ihren Plätzen. Offenbar kennt man sich. Tatjana tollt kurz zwischen den Trinkern und dem Spätibesitzer hin und her, lässt sich feiern, dann geht es direkt weiter Richtung Kinderspielplatz. Als die ersten Kinder es entdecken, beginnen sie zu schreien. Vor Freude. Tatjana irritiert das alles herzlich wenig, im Gegenteil. Scheinbar liebt sie die Aufmerksamkeit, die frische Luft, die Freiheit, die Menschen und den Kiez. Und der Kiez liebt sie. Die Schweine-Mama lächelt liebevoll ihrem Schützling hinterher, und auch ich spüre bereits die Freude sich in mir breit machen. Der anfängliche Schock ist längst vergessen. Wer hätte gedacht, dass ein Schwein so viel Freude verbreiten kann.

Maik Gerecke

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