berliner szenen: Früher Vogel kriegt ein Lächeln
Als Freiberuflerin, die bis in die Nacht arbeitet, schlafe ich gern bis halb 10 Uhr aus und gehe den Tag entspannt an. In letzter Zeit aber ist alles durcheinander. Ich, die normalerweise immer schlafen kann, wache seit einer Woche ohne Wecker um 6 Uhr auf. Es ist ein Aufwachen, das mich sofort aufstehen lässt. „Perimenopause“, murmelt V. wissend: „Sei froh, dass es um 6 ist, ich wache immer um 3 auf und nichts geht mehr.“ „Könnte auch geriatrische Bettflucht sein“, schlägt A. vor. „Ist einfach bloß der Sommer“, sagt W.
Egal was es ist, ich finde es toll. Wie viel mehr vom Tag vor einem liegt! Gestern bin ich um 7 Uhr komplett startbereit und gehe vor lauter Tatendrang in den Supermarkt. Dort ist die Welt am frühen Morgen eine andere, stelle ich fest.
Alles ist nämlich sehr entspannt. Kund:innen schieben sich freundlich freie Einkaufswagen zu, gehen langsam, gucken lang, wählen das Obst bedächtig aus und sehr auffällig ist, dass man direkt angesehen wird. Huch. Ich sehe mich unauffällig um. Doch ja, hier wird einem ins Gesicht geguckt und gelächelt. Wie schräg. Fast kommt es mir vor wie auf einem Dorf. An der Kasse ranzt einen niemand an und ich erlebe, dass ich nicht hektisch alles in den Wagen schmeißen muss, und trotzdem nicht schnell genug bin, sondern hier wird mit Zeit gescannt. Die Kassiererin redet mit einer Frau, die augenscheinlich einfach so zum Schnacken neben der Kasse steht, über das Wetter und extreme Temperaturschwankungen. Ich atme auf.
Als ich später gemächlich und irgendwie glückselig nach Hause gehe, denke ich, dass es ja heißt, man soll ferne Länder bereisen, um ein anderes Bild der Welt kennenzulernen. Unbedingt, finde ich. Aber offenbar tut es manchmal auch ein Besuch im Supermarkt um kurz nach 7 Uhr.
Isobel Markus
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