berliner szenen: Liebe Diebe auf der Motorstiege
Es ist spät und ich trage ein blaues Hemd, das offenbar falsche Signale hinsichtlich meines Barvermögens sendet. Als ich aus dem Zug steige, ist der U-Bahnhof leer, bis auf die drei Typen, die mir zur Rolltreppe folgen. Ich bin erschöpft, stelle mich auf die polternden Metallstufen und dann geht alles ganz schnell.
Plötzlich stoppt die Rolltreppe und ich setze mich widerwillig in Bewegung. Die drei Typen schließen auf und sind nun dicht hinter mir. Sie reden laut in ihrer Sprache, einer überholt mich und lässt seinen Rucksack vor meine Füße fallen. Unhöflich wie ich bin, steige ich darüber hinweg, wir laufen weiter, fünf Stufen später dasselbe Szenario. Spätestens jetzt könnte mir was auffallen, aber ich stelle mich an wie einer, der zum ersten Mal ausgeraubt wird.
Als ich schon Abendluft rieche und die Typen davonhuschen, schaltet endlich mein Gehirn. Oh, okay, na mal sehen, ob – yep, das Portemonnaie ist weg. Gut, man kann nicht immer gewinnen, Geld war eh keins drinnen. Ich verlasse den Bahnhof. Doch dann bleibe ich stehen.
Andererseits, denke ich und schaue zurück. Bankkarte, Kreditkarte, Monatskarte, Krankenkarte, Perso, ein unersetzbares Zimtkuchenrezept! Nein, mmh, ich verbringe die nächsten Monate sicher nicht auf Ämtern und am Telefon, also gehe ich zurück und suche die drei Typen. „Hey“, rufe ich, als ich sie finde, „habt ihr ein Portemonnaie gesehen? Hab ich hier verloren. Oder so.“ Inzwischen haben sie garantiert reingeschaut. „Oh, wo?“, fragt der eine. „Ach“, sage ich, „da so?“ Ich zeige auf die Treppe. Oscarreif wuseln wir jetzt alle durch die Gegend. „Das hier?“ Er gibt es mir. „Ja! Ey, tausend Dank euch.“ Wir verabschieden uns herzlich und ich gehe nach Hause. Ganz kurz überlege ich: Anzeige erstatten? Aber nein. Arme Leute müssen zusammenhalten. Maik Gerecke
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