berliner szenen: Eine Schaufel roter Beeren
Auf zur Marheineke-Markthalle. Mein Vorrat an gutem Tee ist alle. Am Eingang treffe ich mich mit einem Freund. Seinen Langstock trägt er eingeklappt unterm linken Arm, während ich seinen rechten Ellbogen zum Navigieren leicht mit der Hand berühre. Der leutselige Händler am Stand lässt uns mit den eben gekauften Tees aber noch nicht wieder losziehen. Allerhand Naschwerk bietet er uns jetzt an, streckt uns Maulbeeren, Kichererbsen und irrsinnig grüne Pistazien per Blech über die Theke, wir müssen sie nur greifen. Vielleicht tut er das gar nicht, um uns anzufüttern, denke ich, sondern einfach aus Freude am Leben. Wir kosten, nicken, machen „Mhm“, angesichts des Geräuschpegels in der Halle die beste Art der Konversation.
Obwohl der Stand von Kunden umringt ist, kommt er jetzt noch mit einem Schäufelchen voll roter Beeren nach vorn und bietet uns davon an. Meinem Freund zuerst. „Goji-Beeren“, sag ich. Es dauert einen Moment, bis dieser die Schaufel mit den Fingern ertastet. „Ah, blind!“, ruft der Händler, merkt es erst jetzt, und fügt gewichtig an: „Beere gut für Auge!“ Der Freund lacht herzlich drüber. Zum Abschied wird jedem von uns ein kleiner Vorrat in die Hand gefüllt – dem Freund, versteht sich, mehr als mir.
Richtung Flohmarkt schlendernd, schnabulieren wir den Inhalt unserer hohlen Hände und lassen die Begegnung nachklingen. Der Freund schüttet sich schließlich die restlichen Goji-Beeren in den Mund. Mit einem Ruck bleibt er stehen. „Ha! Ich kann wieder sehen!“, ruft er. „Echt?“, flüstere ich. Und er lacht laut und kurz, springt davon – und touchiert ein von einem Budendach baumelndes altes Posthorn. „Mist“, meint er, als ich ihn einhole. „Doch nicht!“ Er reibt sich die Stirn, schmunzelt dabei. So gibt er mir grünes Licht, ebenfalls zu schmunzeln.
Felix Primus
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