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berliner szenenProvisorium mit unartig hoher Kante

Zum Meerschweinchensitten und Blumengießen wohne ich seit einer Woche in Neukölln. Mein Schlafzimmer liegt in der Okerstraße, die Hausnummer aber hängt in der Oderstraße. Wohne ich nun in der Oker- oder Oderstraße? Dass es ein Eckhaus ist, merke ich daran, dass das Rattern der übers krumm- und schiefgefahrene Kopfsteinpflaster gurkenden Autos auf Dolby-Surround-Art zu mir heraufdringt.

Dass ich in einer anderen Straße schlafe, als ich gerade wohne, merke ich nicht. Der Balkon brüstet sich drei­reihig mit Töpfen, aus denen Oleander ragen, Drachenbäume mit narkotisierenden Blütensäften, überfälliger Hanf, Palmen. Was für eine kleine Trutzburg im Großstadtdschungel! Ich fülle Gießkanne um Gießkanne, schleppe sie über den Flur der Übereckwohnung ins Freie, trete den Meerschweinchen einen Schwapp davon ab, die, auf Frischluftkur, ihre Näpfe draußen umgeworfen haben. Dann ist das Werk vollendet, Pflanz’ und Tier’ satt für den Tag.

Vier Etagen tiefer schläft der Kiez seinen Sonntag aus. Ich blicke nach unten von meiner Warte, blicke den fliegenden Wassertropfen nach. Ein langer, schmaler Baugraben längs der Straße klafft da, durch einen Bretterzaun gesichert. Und ein Rollstuhlfahrer, sehe ich, steht vor der kleinen Holzbrücke, die als Übergang zum Gehweg dient. Doch dem Provisorium fehlt die Abschrägung; die Kante ist unartig hoch. Der Mann sieht sich um: kein Mensch unterwegs, der helfen könnte. Mein „Moment, ich komm runter“ wird von der Morgenstille beinahe absorbiert. Als ich unten bin, steht schon jemand bei ihm. Doch erst zu dritt können wir die Kante stemmen. „Wer ist da zuständig?“, frage ich. Deute auf die Holzklippe. Der Fahrer hält kurz inne, sieht mich dann freundlich an – und flitzt mit einem leise lächelnden „Ach, niemand …“ davon. Felix Primus

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