berliner szenen: Scharade an der Infotheke
Der Mann sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen, bloß gestikulieren. Der Mann hat eine Quittung mitgebracht, die er an der Infotheke des Ladens auf den Tresen gelegt hat. Immer wieder deutet er auf das Din-A-4-Blatt, dazu macht er mit der Hand eine Drehbewegung. Es ist wie bei dem Gesellschaftsspiel Scharade, bei dem man durch Gesten und Pantomimen seinen Mitspielern einen Begriff vermitteln muss.
Der Verkäufer an der Theke geht die Herausforderung mit System an. Sein Kunde versteht Deutsch? Der Mann nickt. Er kann ihn hören? Der Mann nickt. Er hat niemand, der ihn begleiten kann, um sein Problem zu erklären? Der Mann schüttelt den Kopf. Dann stelle er jetzt Fragen, sein Kunde solle so lange nicken oder den Kopf schütteln, bis er die Lösung gefunden hat. Ist die Kaffeemaschine, für welche die Quittung ist, kaputt? Kopfschütteln. Will er sie umtauschen? Kopfschütteln? Hat er sie dabei? Kopfschütteln. Braucht er ein Ersatzteil? Nicken, dazu wieder die Drehbewegung mit der Hand. Der Verkäufer beschließt die Sache mit Humor zu nehmen: Ob er einen Zapfbahn für Bier haben will? Der Mann im Rollstuhl lacht, und macht die Drehbewegung dann mit neuer Dringlichkeit.
Inzwischen folgen alle in der Schlange, die sich an der Kasse gebildet hat, dem Drama mit angehaltenem Atem. Man will fast „heiß“ und „kalt“ rufen, wenn der Verkäufer der Lösung des Rätsels wieder einen Schritt näher zu kommen versucht. Dann ist das Geheimnis auf einmal gelüftet: Der Mann im Rollstuhl will eine neue Kanne für seine Kaffeemaschine! Kein Problem, die sind in der und der Regelreihe, dort bitte nochmal den Kollegen ansprechen, sagt der Verkäufer und blickt triumphierend in die Runde wie ein Kandidat, der die Millionen-Euro-Frage richtig beantwortet hat.
Tilman Baumgärtel
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