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berliner szenenDie Freude nimmt ihm keiner mehr

Englisch, Spanisch, Türkisch, Russisch, Polnisch, Deutsch – die ganz normale Berliner Mischung tönt durch das Café auf der Potsdamer Straße. Nicht ganz normal. Nebenan ist der Kaffee deutlich billiger, dafür schmeckt er hier besser, und vor allem: es liegen Zeitungen aus. Viele Gäste steuern gezielt die Boxen mit der Tagespresse an, andere klappen gleich ihren Rechner auf.

Wie die junge Frau, die eine Designer-Software öffnet und ein Outfit für Sportlerinnen entwirft. Sie variiert Pfeile auf einem schwarzen Oberteil: schmaler, breiter, leicht gebogen oder dynamisch, das Gelb sonniger oder eher bräunlich? Oder mit Farbverlauf? Als sie unzufrieden hochguckt, lacht ihr der Barista aufmunternd zu. Er behandelt alle so freundlich, auch das Kind, das den noch heißen Kakao in die Gegend geprustet hat, oder den Zuhälter, der mit grimmigem Blick nach den beiden Frauen guckt, die sich bis eben die Beine auf dem Straßenstrich in den Bauch gestanden haben und sich hier aufwärmen.

Der Barista muss abends fix und fertig sein, wenn er den ganzen Tag so viel gute Laune verströmt hat. Er verneint, er ist immer so, auch zu Hause. Nicht seine Mutter hat ihm das beigebracht, sondern ein Unfall. Er ist mit 14 von einem Auto überfahren worden, kein Arzt im Krankenhaus dachte, dass er überleben würde. Hat er aber, erklärt er stolz, und dazu eine enorme Lebensfreude gewonnen, die nimmt ihm keiner mehr. Schon lacht er den nächsten Kunden an, einen elegant gekleideten, telefonierenden Mann mit Pokerface. Er scheint entschlossen, seinen blasierten Gesichtsausdruck keinesfalls zu lockern, aber nach ausgesucht zugewandter Bedienung lächelt auch er entspannt zurück. Das großmütterliche Sprichwort wird durch den Barista belebt. „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.“ Claudia Ingenhoven

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