piwik no script img

berliner szenenHier ist umziehen verboten

Fachkräftemangel“ ist in Deutschland nicht erst seit den Lockdowns ein Thema. Oft denke ich, dass ich gerne „Fachkraft“ wäre – dann hätte ich immer einen Job, würde gebraucht, vielleicht sogar richtig gut bezahlt – und wäre also ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Leider ist das, was man unter „Fachkräfte“ versteht, nicht so ganz klar. Mal sind es „IT-Spezialisten“, ein anderes Mal Servicepersonal in der Gastronomie. Oder Lehrerinnen.

Zum ersten Mal merke ich diesen Sommer den „Fachkräftemangel“ in meinem Alltag. Denn jetzt habe ich quasi wöchentlich mit Menschen zu tun, denen, nun ja, wie sagt man es korrekt: die nötige Qualifikation fehlt? Und ich rede hier nicht von denen, die als Gastro-Aushilfe nicht mehr als einen Teller tragen können. Damit käme ich klar.

Ein kühler Sommertag im Freibad. Ich habe keine Wertsachen dabei, nur Badezeug und Handtuch. Deshalb fehlt mir natürlich auch die Münze fürs Schließfach. Das Bad ist fast leer, also ziehe ich mich auf der Liegewiese um. Beim Reingehen ist das kein Problem, den Badeanzug hab ich schon drunter. Als ich aus dem Wasser komme, gehe ich mit meinen Sachen ans äußerste Ende des Geländes, hinter zwei Bäume. Ich bin dort allein, ziehe den Badeanzug aber trotzdem unter meinem großen Handtuch aus. Es wäre unbemerkt geblieben, wären nicht plötzlich die zwei jungen Männer vom Sicherheitsdienst aufgetaucht. Einer sagt höflich: „Entschuldigung, das ist verboten. Sie müssen bitte in die Kabinen gehen.“

Ich schwimme hier seit über dreißig Jahren, aber so etwas habe ich noch nie gehört. Am Eingang frage ich nach. Nein, von so einem Verbot weiß auch die ältere Dame an der Kasse nichts. „Wir sprechen noch mal mit den Leuten vom Sicherheitsdienst. Keine Ahnung, wie die auf so was kommen.“

Gaby Coldewey

Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen