berliner szenen: Turm heißt auf Englisch rook
Es ist Samstag, ich spiele im Bett wie jeden Morgen mit meinem Laptop. Zunächst ein paar Runden Puzzlestorm. Es geht darum, möglichst viele Schachrätsel innerhalb von drei Minuten zu lösen. Dann ein paar Partien Blitzschach. Mein Gegner kommt aus dem Iran und hat ein vergleichbares Rating. Die ersten drei Partien spiel ich schlecht und verliere. Dann gewinne ich zwei. Der Schachfreund ist erbost und beschuldigt mich, zu betrügen. Es könne doch nicht sein, dass ich erst so schlecht und dann like a dragon spielen würde. Ich bin zunächst fast belustigt und ein bisschen geschmeichelt, dann gekränkt; ich versuche ihm zu erklären, wieso sein Verdacht Unsinn ist, checke eins meiner Gewinnspiele auch noch mal mit dem Analysebrett, ob ich zufällig genial gespielt hätte – zwei grobe Patzer, alles normal. Aber er ist nicht von seinem Verdacht abzubringen. Ein letztes Spiel. Dann verschwindet er wortlos.
Mit neuem Kaffee spiele ich am Schreibtisch weiter, gegen einen linksaktivistischen Namen auf Englisch, das Spiel läuft ganz gut, ich werde nervös. Als ich mir eine neue Dame zu Hilfe hole, fragt er: Are you so bad at chess that you can’t mate me with two towers?
Beleidigt – die Online-Schach-Community ist seit Monaten meine Heimat – will ich fast antworten, dass der Turm auf Englisch rook heißt, bin mir aber plötzlich nicht ganz sicher und sage nur, I’m just too lazy. Dann kocht der Espresso über, und als ich wieder am Computer sitze, ist er weg.
In seinem Profil steht, dass er in einer Stadt lebt, deren Bahnhof ich kenne, er sei a left knight fighting for a solidaric, liberal and sustainable democracy. Gut ist, dass ich jetzt wieder etwas erlebt habe, das ich nachher M. erzählen kann, schlecht ist, dass meine einzige Kontaktperson unser wöchentliches Treffen absagt.
Detlef Kuhlbrodt
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