berliner szenen: Nasenbluter und Postbote
Meine Freundin J. sucht die Liebe auf Tinder. Sobald wir uns sehen, hat sie in der Zwischenzeit mindestens drei Männer getroffen, und ich freue mich jedes Mal auf ihre Fallberichte. Meine Lieblingsgeschichte ist bisher die mit dem Typen, der zur Begrüßung Nasenbluten bekam, als er vor ihr stand.
„Ich war komplett überfordert mit all dem Blut“, erzählte sie, während ich vor Lachen fast meine Schorle über den Tisch gespuckt hätte. Der Nasenbluter, wie wir ihn seitdem nennen, lief dann eine halbe Stunde mit zwei gerollten Taschentuchwürsten in der Nase neben ihr her und tat, als wäre alles ganz normal. Lustig war auch die Geschichte von dem Schriftsteller, der als Postbote arbeitet und erklärte, dass alle großen Literaten Postboten gewesen seien. Bukowski und Herrndorf zum Beispiel.
„Ich war echt offen. Aber dann setzt er sich mit mir in den Park und liest mir richtig schwülstigen Fantasy-Elfenkram vor. Da bin ich einfach aufgestanden und gegangen.“
Wir treffen uns in einer Bar und J. ruft als erstes: „Heute brauche ich Alkohol.“ Ich freue mich und denke, dass mich heute bestimmt eine Knallergeschichte erwartet. Wir bestellen Wein. Und dann sagt sie: „Es tut mir echt leid, aber ich mach jetzt Schluss mit dem Daten.“
„Das gibt’s ja nicht“, rufe ich entgeistert. „Du hast jemand Tolles getroffen!“
„Ach so, nee“, sie winkt ab. „Ich kann nur einfach nicht mehr. Wenn ich so weitermache, brauche ich bald eine Therapie, um alles zu verkraften.“ Ich schaue sie besorgt an. „Alles okay? Ist dir etwas passiert?“
„Aber nein!“ Sie lächelt entschuldigend. „Ich will nur diese Dates nicht mehr. Fange dafür einen Tanzkurs an.“ Und dann sagt sie sehr mitfühlend: „Ich wollte dich nur nicht enttäuschen, wo du doch immer meine aufmerksamste Datingstalkerin warst.“ Isobel Markus
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