Zusammenkünfte auf La Réunion: „Glück ist machbar“

Die kleine tropische Insel La Réunion ist die südlichste Region Frankreichs. Massentourismus gibt es auf der Insel, die einst „Ile de Bourbon“ hieß, bisher nicht.

Die wilde Ostküste von La Réunion. Bild: Thomas Pampuch

Eine Tropeninsel, über 10.000 Kilometer entfernt von Europa, mitten im Indischen Ozean. Französische Lebensart vermischt mit tropischem Charme, kreolischer Buntheit und einer atemberaubenden Natur. La Réunion – Französisch für (Wieder-)Vereinigung – ist nicht nur eine Insel, sie scheint auch ein Programm zu sein. Das gilt für die Menschen wie für die Tiere und Pflanzen.

Selbst die Landschaften legen es hier darauf an, Vielfalt zusammenzuführen: ein höchst aktiver Vulkan und grandiose grüne Talkessel – die berühmten „cirques“ – neben lieblichen Lagunen und tosender Brandung. Riesige Lavaströme und Tropenwälder, Zuckerrohrfelder und Korallenriffe. Und sogar die Vanille wächst hier nicht allein vor sich hin, sondern umschlingt Bäume und rankt sich an ihnen hoch.

Ihren Siegeszug als feines Gewürz verdankt sie übrigens der künstlichen Bestäubung per Hand. Diese Technik entdeckte Edmond Albius, ein junger Schwarzer Sklave 1841 – zu einer Zeit, als die Insel Ile de Bourbon hieß. Kolibris zum Bestäuben wie in Mexiko gab und gibt es auf der Insel nicht: Auch die Bourbon-Vanille ist das Ergebnis einer gewollten Vereinigung.

„Corriger la fortune“ – Glück ist machbar. Es hilft, herumzuprobieren, es ist gut, immer neu zu mischen. Könnte sein, dass es dieser Geist ist, der die südlichste Region Frankreichs – und der EU – für viele zu einem Traumziel macht. Vor allem unstetere Geister scheinen hier gern vor Anker zu gehen. Auch einige Deutsche haben sich auf La Réunion niedergelassen – oder kommen zumindest immer wieder. Etwa die Reisejournalistin Birgit Weidt, die ein lesenswertes Buch über „Die Insel des ewigen Frühlings“ geschrieben hat. In ihm besingt sie das „ensemble“, das hier das Motto allen Lebens zu sein scheint: das Kreolische, das die Mischung zur Heimat macht, zur Herkunft, auf die man stolz ist.

Rico zum Beispiel, ein freundlicher, sympathisch gegerbter Endfünfziger mit einem Lachen, das einen Vulkanausbruch übertönen könnte. Dabei ist der Mann so etwas wie der „Pferdeflüsterer“ von La Réunion. Im Osten der Insel hat er seine Ferme Equestre du Grand-Etang mit 50 Pferden aller Rassen und jeden Alters. Von hier aus unternimmt er mehrtägige Reittouren, die zum Schönsten gehören, was man sich auf der Insel leisten kann.

La Réunion ist Teil der Maskarenen, einer vulkanischen Inselgruppe östlich von Madagaskar, zu der auch Mauritius und Rodrigues gehören. Die Insel hat rund 850.000 Einwohner bei einer Fläche von 2.500 Quadratkilometern. 1.750 davon sind Nationalpark und Weltnaturerbe.

Seit 1946 ist La Réunion ein französisches Übersee-Department. Der Tourismus spielt auf La Réunion eine weniger wichtige Rolle als auf der Nachbarinsel Mauritius, nimmt aber langsam zu.

Die Infrastruktur ist gut, das allgemeine Preisniveau entspricht etwa dem von Frankreich.

Anreise: Air France fliegt täglich von Paris direkt nach Saint-Denis, der Hauptstadt der Insel.

Die Propellerflüge nach Rodrigues gehen täglich von Mauritius. Eine Fährverbindung gibt es ebenfalls.

Die Recherche wurde von Air France mit einem Ticket unterstützt.

Wir sitzen mit Rico am großen Tisch in seinem Reiterhof. Er hat selbst gekocht. Es gibt Stockfisch, Kürbiskraut, Reis und dazu Rougail saucisse. Rougail ist das Beste, was einem rauchigen französischen Würstchen passieren kann: dass es nämlich in kleinen Stückchen mit einer Sauce aus Tomaten, Ingwer, Knoblauch, Chili und allerlei exotischen Gewürzen vereinigt wird. Irgendwie gleicht es damit ein wenig dem, was die Franzosen auf ihrer ehemaligen Kolonialinsel praktizieren: Sie vermischen sich.

Ricos mittlere Tochter, Stefanie, ist klug und sehr selbstbewusst. Sie hat in Schottland und Montana studiert und praktiziert auf der Insel „horsemanship“. Das heißt, sie bringt Pferdebesitzern die artgerechte Haltung und Ausbildung der Tiere bei. Ein neues Verhältnis von Tier und Mensch, das noch weit über das hinausgeht, was ihr Vater mit den Pferden macht – die müssen ja darauf trainiert werden, alle möglichen Reiter und Touristen friedvoll zu tragen und zu ertragen. Immer wieder diskutieren die beiden darüber. Stefanie bleibt streng: Es gehe darum, richtig miteinander umzugehen. Auch mit Pferden.

Egal ob Pferde, Menschen, Speisen, es ist dieses Mit- und Durcheinander, das La Réunion so sympathisch macht. Und es ist angenehm, wie problemlos man in diese bunte, würzige Sauce eintauchen kann. Massentourismus gibt es auf der Insel nicht - höchstens einen gewissen Anstieg der „Metropol“-Franzosen in Ferienzeiten. Der Besucher fühlt sich nicht als Tourist, eher als eine weitere Zutat in der Sauce.

Die Hand hinterm Ohr

Natürlich hilft es, wenn man etwas Französisch spricht, dann ist man fast schon einer der sogenannten „zoreils“ – die Ohren. So werden die hier lebenden Franzosen vom Festland – etwa 10 Prozent der Bevölkerung – genannt, angeblich, weil sie angesichts des schwer verständlichen Kreolischen gern mal die Hand hinters Ohr legen.

Wer weder Französisch noch Kreolisch spricht, wird an der Webseite einer anderen deutschen „Réunionaise“ Gefallen finden: Brigitte Monat, die für deutsche Reisende fast schon eine Institution ist. Als sie vor Jahren nach La Réunion kam, bemerkte sie, wie mühsam es war, eine gute Unterkunft zu finden. Die gibt es zwar auf der Insel, doch erst seit sie ihre Webseite reunion-urlaub.com startete, kommt man bequem (und ohne Zusatzkosten) an „gites“, Ferienwohnungen und Hotelzimmer heran.

Inzwischen verbringt die reiselustige Münchnerin mindestens sechs Monate im Jahr auf der Insel und entdeckt immer wieder neue gute und günstige Unterkünfte. Sie berät, organisiert, reserviert: Sowohl die Touristen als auch die Vermieter schätzen ihre Dienste. „Deutsche gehören auf Réunion heute zu den beliebtesten Gästen – auch wenn es nicht sehr viele sind“ erzählt sie. Keine schlechte Idee, aus einer zweiten Heimat einen Beruf zu machen.

Der Bergführer aus Tirol

Da ist auch Franz, der Tiroler Bergführer, auch er ein Reisender. Jahrzehntelang hat er in Berlin in der berühmten Kneipe Luther & Wegener gearbeitet, dann Jahre in Japan verbracht. Seit 25 Jahren lebt er jetzt als Hochseefischer in Ermitage, einem der schönsten der wenigen Badestrände der Insel. Nebenbei betreibt er mit seiner französischen Frau, einer Deutschprofessorin, eine kleine Ferienwohnung. Mit seinem alpinen Charme, seinen frischen japanischen Thunfischhäppchen, kleinen Drinks und jeder Menge ebenso spannendem wie weltläufigem Tiroler Schmäh ist er der ideale Gastgeber zum Einstieg.

Auch er fast ein echter Réunionais, denn letztlich sind alle Menschen auf der Insel Hängengebliebene, egal aus welcher Ecke der Welt sie kamen: Portugiesen, Franzosen, Sklaven aus Afrika und Madagaskar; Inder und Chinesen, die nach der Abschaffung der Sklaverei als Lohnsklaven einsprangen. Und französische Beamte, die hier gern ihre Renten verjubeln.

Der Witz dabei ist nicht das Nebeneinander, sondern die Mischung: So erfreulich die friedlich nebeneinander existierenden Hindutempel, Minarette und christlichen Kirchen sind, so verführerisch die indischen, chinesischen und französischen Restaurants locken, noch wunderbarer ist es, zu sehen, wie im chinesischen Schnellrestaurant eine Frau im indischem Sari einer schwarzen Kundin ein Chop Suey mit Linsen, der klassischen Beigabe der Réunion-Küche, verkauft. Und dazu ein Baguette: Die französische „Leitkultur“ mit all ihrem Savoir-vivre ist durch das Eintunken in den Indischen Ozean liebenswerter und bunter, lässiger und freudvoller geworden. Genau das ist es wohl, was einem an der kreolischen Kultur und den Kreolen so gefällt.

Aussicht aufs Meer und Kochkurse

An Elourda und Yves etwa, die in Tevelave, 600 Meter über dem Meer, nicht nur ein paar hübsche Ferienwohnungen mit Aussicht aufs Meer vermieten, sondern auch kreolische Kochkurse geben. Während wir mit Elourda Samoussas, jene dreieckigen nordindischen Teigtäschchen falten, die man in La Réunion an jeder Straßenecke bekommt, sitzt ihre 95-jährige Großmutter gemütlich lächelnd dabei. Sie hat leicht chinesische Züge. Elourda ist ihr 13. Kind. Yves war als junger französischer Marinesoldat noch bei den Atomversuchen von Mururoa dabei. Er hat die Welt gesehen.

Heute trägt er einen mächtigen Schnurrbart und sammelt und repariert alte Renaults aus den 50er Jahren. Elegant serviert er „rhum arrangé“, eine Köstlichkeit, bei der der gute lokale Rum mit Früchten angesetzt wird, deren Mischung genauso geheimnisvoll ist wie die von Yves' Vorfahren.

Oder Monique, die uns ein paar der aufregenden Wanderstrecken der Insel zeigt. Die sportlich-drahtige Frau, Anfang 60, kennt, so scheint es, jeden Zentimeter Weg auf La Réunion persönlich. Seit Jahren läuft sie den berühmt-berüchtigten Grand Raid mit, jene „Diagonale der Verrückten“, einen Ultramarathon, der über 160 Kilometer quer über die Insel führt.

Monique hat eine chinesische Mutter und einen kreolischen Vater. Ihre Kinder leben in Europa, sie selbst war Krankenschwester und genießt heute das Leben einer zufriedenen Rentnerin und „Raideuse“. Sie trainiert viel, reist ab und zu und macht nebenbei freiwillige Sozialarbeit mit arbeitslosen Jugendlichen.

Subventionen aus Paris

Denn auch die gibt es auf der Insel. Die wirtschaftlichen Perspektiven – gerade für junge Leute – sind nicht ideal. Doch immerhin: Frankreich sorgt für seine Überseegebiete – und das nicht schlecht. Jährlich pumpt Paris Millionen an Subventionen in sein südliches Kleinod. Sozialprogramme, Infrastrukturmaßnahmen, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser. Es hat Vorteile, zur „Grande Nation“ zu gehören. Während das benachbarte Mauritius mit Tourismus und Textil-Sweatshops für sich selbst sorgen muss, wird La Réunion großzügig alimentiert. Nicht das Schlechteste, was einem alten Sklavenstaat passieren konnte.

Ein Beispiel für die geglückte Überwindung des Kolonialismus? Mag sein. Der Wunsch nach Unabhängigkeit hält sich auf La Réunion in Grenzen – es gibt ja auch keine Ureinwohner. Nur Hängengebliebene – und Hängenbleiber.

Eines kann man der lieblichen Insel am südlichen Wendekreis bescheinigen: An wenigen Orten der Welt scheint der Übergang zur Multikulti-Gesellschaft so elegant zu glücken wie hier. Vielleicht kein Modell für den Rest der Welt – nicht überall sind die Voraussetzungen so günstig –, aber vielleicht doch ein Traum. Oder ein Ziel. Auf jeden Fall aber ein Traumziel.

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