: Zu wenig Hunde in Berlin
■ Rückläufige Vierbeinerzahlen gefährden tierärztlichen Berufsstand
In Berlin gibt es zu wenig Hunde. Da staunen die Herrchen, und die Hundehasser wundern sich, aber es ist so: die Zahl der Kläffer, Beißer und Scheißer sinkt in einer Weise, daß die Existenzgrundlage der Berliner Tierärzte gefährdet ist. Seit 1980 um die 20.000 Hunde - und entsprechend auch andere Kleintiere - weniger, das geht den Veterinären der Mauerstadt, die kaum Pferde, Schweine und Rinder zu behandeln haben, an den Umsatz. Die letzten statistischen Zahlen von 1986 sprechen von rund 76.000 HundenInnen in Berlin. Um ihre Praxen über Wasser zu halten, brauchen die Veterinäre mindestens 1.000 Hunde pro Tierarztnase. Seit acht Jahren kippt dieses Verhältnis in Berlin um (siehe Graphik): Heute sind es nur noch 630 Hunde pro Arzt, was die Veterinäre auf die hohe Hundesteuer, Schwierigkeiten beim Reisen, steigende Haltungskosten bei schlechter Wirtschaftslage und die zunehmend harte Linie der Stadt in der Hundekotfrage zurückführen. Zur Ehrenrettung der Viecher gilt es anzuführen, daß sich im letzten Jahrzehnt die Zahl der Tierärzte parallel zu den Hundeverlusten nahezu verdoppelt hat. Schon seit Jahren produzieren die Unis bundesweit Überkapazitäten, rund 900 Studenten werden jährlich fertig, der Neubedarf liegt aber nur bei 200 Tierärzten pro Jahr. Letztes Jahr waren 600 Tierärzte arbeitslos gemeldet, allein in Berlin 84. Die Neugründung von Praxen wird zum Risiko: ohne nebenbei Taxifahren geht es bei vielen jungen ÄrztInnen nicht, andere steigen für „Null“ irgendwo als AssistentIn ein oder gründen eine Gemeinschaftspraxis, in der eine(r) dauernd nebenjobbt. „Viele heiraten auch, um jemand zu haben, der die Praxis finanziert“, sagt die Tierärztin Marianne Kopiske, die vor anderthalb Jahren ihre Praxis eröffnet hat. Bei den weiblichen Tierärzten steht's besonders schlimm: Nur die Hälfte von ihnen war 1987 im erlernten Beruf tätig. „Es tauchen immer mehr Anzeigen auf, in denen Tierärzte sich eine vollausgebildete Veterinärin suchen, die als Praxishelferin arbeitet“, meint Andreas Striezel von der „Arbeitsgemeinschaft kritische Tiermedizin“ an der FU.
Was würde den arbeitslosen Veterinären helfen? Mehr Hunde für Berlin? „Nein, nein“, meint dazu Dr. Cott von der Tierärztekammer, „man muß die Leute einfach vor dem Beruf warnen. Der hat einfach keine Aussichten. Schuster wird ja heute auch kaum noch jemand.“
Herrmann Kotte
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