Zehnkämpfer Behrenbruch über Olympia: „Ich hab's drauf“

Am Mittwoch beginnt der Zehnkampf. Pascal Behrenbruch ist auch dabei. Der Europameister über seine Chancen, deutsche Tugenden in Estland und nervige Psychogespräche.

Training in Estland, Medaille für Deutschland? Behrenbruch will Gold im Zehnkampf. Bild: dapd

taz: Herr Behrenbruch, wie gut ist Ihr Estnisch?

Pascal Behrenbruch: Nicht so gut. Ich kann vielleicht zehn Wörter. Ich versuche derzeit, mein Englisch auszubauen, weil hier alle Filme mit englischen Untertiteln laufen und die Esten auch ganz gut Englisch können.

Wie hart war der Anfang für Sie in der baltischen Republik?

Ich wusste immer, dass es eine gute Entscheidung war, nach Estland zu gehen. Ich musste das einfach durchziehen. Es war manchmal hart. Es gab Momente, da dachte ich: „Boa, jetzt lebe ich hier ganz allein und habe keinen – außer meinem Hund.“ Die Esten sind Neuankömmlingen gegenüber auch eher kalt. Man kommt nur schwer an sie heran. Es dauert sehr lange, bis man Vertrauen aufgebaut hat. Wenn man es aber gewonnen hat, dann ist es echtes Vertrauen und nicht so oberflächlich wie in den USA. Mittlerweile habe ich in Estland auch Freunde.

Scheint, als wäre das Kontakteknüpfen harte Arbeit gewesen?

Der 27-jährige Hesse ist in diesem Jahr Europameister im Zehnkampf geworden. Er gewann in persönlicher Bestleistung (8.558 Punkte). Behrenbruch ist IT-Kaufmann. Er trainiert seit einigen Monaten in Estland unter der Führung des früheren Weltklassezehnkämpfers Erki Nool.

Ja, das kann man so sagen. Übrigens habe ich in Estland die deutschen Tugenden schätzen gelernt. Ich war immer pünktlich, die Esten eher zu spät. Aber jetzt kommen auch die Esten pünktlich zum Training.

Was genau hat dieser Wechsel gebracht?

Ich hatte mehr Ruhe und eine bessere Regeneration. Es war teilweise völlig langweilig. Man konnte sich nur hinlegen oder in den Wald gehen. Das soll aber nicht heißen, dass der DLV recht hatte mit seinem Vorwurf, ich hätte früher in Trainingslagern nicht genug Pausen gemacht und ich wäre insgesamt undiszipliniert gewesen. Ich bin in meiner neuen Heimat auch mit den Esten Wasserski oder so gefahren.

Der Sport steht jetzt für Sie aber klar im Mittelpunkt.

Ja, das stimmt. Ich denke nur an den Sport. In Frankfurt waren die Ablenkungen größer, auch die Stressfaktoren. Wenn ich in Frankfurt zum Training gefahren bin, dann stand ich im Stau. Das macht einen mürbe. Das habe ich in Tallinn nicht. Da freue ich mich morgens sogar, wenn ich zum Training fahre.

Was hat sich trainingsmethodisch geändert?

Die russische Schule ist mehr sprungorientiert. Darauf achtet mein Trainer Andrei Nazarov. Auch Erki Nool [estnische Zehnkampflegende, Olympiasieger von Sydney; d. Red.] ist zwei, drei Mal in der Woche beim Training dabei gewesen und hat mir vor allem bei Läufen in den Hintern getreten. Gut, ich habe auch in Deutschland immer viel und hart trainiert mit meinem alten Coach Jürgen Sammert, aber jetzt habe ich die Konzentration auf mich selbst. Auf diese Weise habe ich noch mehr aus mir herauskitzeln können.

Nach Ihrem EM-Sieg mit über 8.500 Punkten sind Sie auch in London Medaillenfavorit.

Ich spüre überhaupt keinen Druck. Ich weiß, dass ich es drauf habe. Meine Leistungen sind gut. Ich kann viele schlagen. Mein Ziel ist ganz klar eine Medaille. Ich würde in London gern noch einmal 100 Punkte zu meinem EM-Ergebnis draufpacken. Es gibt eigentlich nur einen, der unschlagbar erscheint: der US-Amerikaner Ashton Eaton. Wenn alles normal lauft, gewinnt er das Ding. Weil er ein supernetter Typ ist, gönne ich ihm das fast schon.

Das klingt sehr selbstbewusst.

Wenn ich sage: „O Gott, das wird schwer“, dann hat man gleich mal 100 Punkte verloren. Man muss an sich glauben. Das ist im Zehnkampf ganz wichtig. Man muss sich für den König der Athleten halten für diesen Wettkampf. Beim Kugelstoßen zum Beispiel weiß ich, dass ich der Chef im Ring bin, weil ich immer am weitesten stoße. Auch der EM-Titel hat mich bestärkt.

Arbeiten Sie mit einem Mentalcoach zusammen?

Seit zwei Jahren nicht mehr. Der deutsche Verband war der Meinung, ich hätte mentale Schwächen, ich wusste aber, dass meine Probleme vom Rücken herrührten. Ein paar mentale Blockaden hatte ich höchstens beim Stabhochsprung, aber die habe ich beseitigt. Irgendwann nervt es ziemlich, wenn einem bestimmte Leute einreden, man müsste zum Psychologen.

Wie kriegt man so eine Blockade in den Griff?

Man weiß mit der Zeit einfach, wie man sich selbst zu motivieren hat. Das Psychotraining hat mir auch ein bisschen geholfen, aber irgendwann ist man reif genug, um selbst mit Widrigkeiten umzugehen. Man muss sich nur auf sich selbst fokussieren.

Was ist die Königsdisziplin der Leichtathletik: der Zehnkampf oder doch der 100-Meter-Sprint?

Bei den Olympischen Spielen ist das ganz klar der Zehnkampf. Ich finde es schade, dass Sprinter im Ziel von hundert Fotografen erwartet werden und wir vielleicht nur von zehn. Ich wünschte, wir wären noch mehr ein Medienmagnet. Wir sind so vielseitig. Ich habe das immer toll gefunden und Frank Busemann oder Paul Meier [Busemann wurde 1996 Olympiazweiter in Atlanta, Meier 1993 in Stuttgart WM-Dritter; d. Red.] dafür bewundert.

Wann war für Sie klar, dass Sie Zehnkämpfer werden?

Ich habe immer schon Mehrkampf gemacht. Mit 7 habe ich bei den 9-Jährigen meinen ersten Pokal gewonnen, ein Riesending. Da war ich sogar noch vereinslos und bin in einem Mickymaus-T-Shirt gestartet. Ich war immer schon der Schnellkräftige. Mit 15 habe ich den deutschen Rekord gebrochen. In dieser Zeit hätte ich fast eine Disziplin weglassen können und ich hätte immer noch gewonnen.

Es ging aber nicht so weiter.

Es kamen zwei schlechte Jahre. Ich habe auch meinen Führerschein verloren. Ich hatte nicht immer nur den Sport im Kopf. Damals dachte ich, mein olympischer Traum ist geplatzt. Mit 19 habe ich mich gefangen. Ich wurde immer stabiler.

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