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Wo sich einst vier Länder küssten

Auf dem Vaalserberg nahe Aachen treffen sich Deutschland, Belgien und die Niederlande. Das sonst so flache Land erhebt sich hier mit seinem höchsten Punkt auf immerhin 322,5 Meter

Vom Vaalserberg Bernd Müllender

Die Lage beginnt verwirrend. Im niederländischen Städtchen Vaals gleich neben Aachen fährt man, wie zwei Schilder untereinander ausweisen, den Viergrenzenweg hoch zum „Drielandenpunt,“ also dem Dreiländereck. –Vier, drei? Können die nicht zählen in Vaals? Auflösung später.

Der Viergrenzenweg geht über viele Kurven und sogar eine scharfe Serpentine (in Holland!) hoch. Noch eine lange Rechtskurve und wir nähern uns dem Punkt, wo wir dem Himmel so nah sein werden wie nirgends in diesem sonst so pannekoekenflachen Land. Wir landen auf einem weiten, laubbewaldeten Hochplateau und die Lage wird schnell komplex.

Um ein Ensemble von drei alten Grenzsteinen stehen vier Frauen und wähnen sich am Ziel. „Ist das hier das Dreiländereck?“, fragt eine. Nein, das ist Hollands höchster Punkt, der „hoogste punt“ mit 322,5 Metern, steht auch dran. Und hier ist man eben ein paar Zentimeter höher als der exakte Ländertreffpunkt keine 50 Meter weiter, wo drei Fahnen wehen. Menschen stehen Schlange und zücken ihre Smartphones. B, D und NL sind auf einer kreisrunden Betonfläche genau markiert. „Guck mal“, ruft ein Junge beglückt, „ich stehe mit einem Fuß in Belgien, mit dem anderen in Deutschland und kann Holland anfassen!“ – und klick.

Der größte Teil gehört zu den Niederlanden. Deren Geschäftsleute sind hier auch emsig zugange: Frittenbude, Eiscafé, Restaurant, gegenüber die „Taverne de Grenssteen“, ein großer Kinderspielplatz, ein großes Hainbuchen-Labyrinth. Daneben ein riesiger bewirtschafteter Parkplatz für viele Hundert Autos und Busse.

An der belgischen Seite steht der „Tour Boudouin“, der sich als „höchster Turm am Dreiländereck“ bewirbt. Wenn man schon oben ist, will man offenbar immer noch höher hinaus. Zwei Wanderer sind nicht so überzeugt: „Das Ding sieht ja aus wie ein Gefängniswachturm.“ Am Turm prangt ein großes Reklameschild – für Brand-Bier aus den Niederlanden. Grenzüberschreitend ist auch das holländische Amstel Gold Race, einer der Frühjahrsklassiker der Radprofis, das hier oben entlangführt. Noch im Mai sind hier die Stars Tadej Pogačar und Jonas Vinge­gaard langgesaust.

Gleich hinter dem Boudouin-Turm startet die Venntrilogie, ein Wanderweg durch das belgische Hohe Venn. Hier beginnt auch der Ravel-Radweg – 60 Kilometer nach Lüttich, weitgehend auf alten Eisenbahntrassen. In der Imbissbude gibt es die deutlich besseren Fritten, gebrutzelt im Belgien-typischen Rinderfett. Aus dem Lautsprecher erklingt gerade „Africa“ von Deuce – ja warum zu den drei Ländern nicht noch ein Kontinent dazu?

Grenzerfahrung

Die Grenzen rücken nach ein paar Jahrzehnten verhältnismäßiger Unsichtbarkeit wieder stärker ins Bewusstsein. Die deutschen wie auch jene der EU: An vielen wird wieder kontrolliert, Menschen wortwörtlich aus dem Verkehr gezogen und die Unterschiede betont zwischen drüben und hier. In lockerer Folge schauen wir uns um an solchen Bruchstellen und an Orten, wo Deutschland zu Ende geht.

Die geschichtsbewussten Belgier haben hier zudem zwei Denkmäler für die Opfer der Kriege errichtet und einen Quader aus Metallresten des einstigen elektrischen Todeszaunes aus Stacheldraht („Via Dolorosa“) aufgebaut. Mit diesem Zaun sicherten die verhassten deutschen Besatzer das Land ab 1914 zu den neutralen Niederlanden ab, von hier über 350 Kilometer bis zur Nordsee. Mehrere Tausend Flüchtende kamen durch Starkstromschläge elendiglich ums Leben.

Auf der östlichen deutschen Seite ist hier oben nichts als Wald, der „Öcher Bösch“. Geht man die Waldwege herunter ins vier Kilometer entfernte Aachen, kommt man am blickdichten FKK-Gelände vorbei (laut Website „Zufahrt mit dem Auto nur über die Niederlande oder Belgien möglich“), an einem Mountainbiketrail, der Nabu-Station und ein paar schönen alten Gehöften.

Lange war die Lage auf dem Vaalserberg noch komplexer als heute. Von 1816 bis 1919 gab es einen vierten Staat: das winzige Kuriosum Neutral-Moresnet, das ab 1830 – als Belgien gegründet wurde – mit seiner Spitze das Drei- zu einem Vierländereck machte (siehe Abbildung).

Das Land war als Provisorium entstanden, weil die Königreiche Preußen und Niederlande auf dem Wiener Kongress wegen der ergiebigen Zinkminen Anspruch auf das Gebiet stellten. Das Provisorium existierte über 103 Jahre, bis der Zipfel nach dem Ersten Weltkrieg Belgien zugesprochen wurde. Zwischenzeitlich gab es Postkarten mit dem Text „Wo sich vier Länder küssen.“

Die einst vier Grenzen sind allgegenwärtig hier oben. Auf dem belgischen Teil ist die „Kussstelle“ heute noch durch eine leicht abgeänderte Pflasterung markiert und mit Tafeln erklärt. Das Labyrinth vermarktet sich (Eintritt 14,50 Euro) seit vergangenem Jahr als „Vierlandenpunt Experience“. Inmitten des Irrgartens ist als Ziel der hölzerne Amikejo-Turm aufgebaut – Amikejo heißt auf Esperanto „Ort der Freunde“ und bezeichnete einst das Unikum Neutral-Moresnet. Die weltweite Esperanto-Bewegung hatte 1908 sogar beschlossen, an diesem „Kreuzungspunkt der Völker“ ihre Weltzentrale einzurichten –wozu es durch den Überfall der Deutschen dann nie kam.

Neutral-Moresnet sei, tönt es aus Lautsprechern am Labyrinth, „ein Land, dessen Geschichte vergessen wurde“. Das ist ziemlicher Blödsinn, denn unten im ostbelgischen Ort Kelmis dokumentiert das schnuckelige Museum im ehemaligen Jugendstil-Direktionsgebäude der Minengesellschaft die Vergangenheit sehr detailliert. Da gibt es auch das „Four Country Story Beer“.

Briefmarken samt Postkarte vom einstigen Vierländereck, heute als Dreiländereck bekannt Foto: Abb.: arkivi/akg-images

Das Labyrinth aber ist ein wahrlich herausforderndes Terrain, in dem man sich gern eine Stunde lang freudig verlaufen kann. Im Shop gibt es Salz- und Pfefferstreuer in Grenzsteinanmutung, die Vierländer-Schnapsgläser und einen Kaffee mit Namen „Tasz“, angeblich „gebrannt auf dem Dreiländerpunkt“.

Als Belgien 2010/11 weltrekordige 541 Tage ohne Regierung war, gab es Fantasien, das Land womöglich aufzuteilen. Flandern zu den Niederlanden, die französischsprachige Wallonie zur Grande Nation – und das kleine deutschsprachige Ostbelgien rund um Eupen? Wohin, zu Deutschland? Aus historischen Gründen: Niemals! Lieber an Luxemburg im Süden andocken, hieß es. Dann wäre wieder ein kussbereites Vierländereck entstanden aus NL, LUX, FRA und D.

Zurück zum „hoogste punt“, den everestösen 322,5 Metern. „Der halbe Meter ist sehr wichtig“, hat eine Tourismusmanagerin der Gegend mal gesagt, „denn wenn man nicht so viel hat, muss man auf Kleinigkeiten großen Wert legen“. Wobei der höchste Punkt hier ja nur bis 2010 war: Seitdem gehört Sint-Maarten in der Karibik offiziell zum Königreich der Niederlande und damit auch der Vulkan Mount Scenery mit stolzen 870 Metern. Auf dem Vaalserberg findet sich also nur der höchste Punkt der kontinentalen Niederlande.

Winterlich kurios war es am Vaalserberg 1992. Es hatte ergiebig geschneit, und so entstanden für mehrere Tage Loipen, man skilanglief und rodelte, stapfte durch Winterlandschaften. Der Begriff „Niederländische Schweiz“, sonst nur durch umliegende Hotels und Fachwerk-Cafés mit Namen wie Alpensicht oder Edelweiß bestätigt, machte auch meteorologisch Sinn. Kurzerhand schaffte das Fremdenverkehrsbüro unten in Vaals 400 Leihskier und -schuhe an. Wegen Schneemangels wurden sie seitdem nie mehr gebraucht.

Briefmarken samt Postkarte vom einstigen Vierländereck, heute als Dreiländereck bekannt Foto: Abb.: arkivi/akg-images

Jeder macht hier oben sein Ding, aber europäische Symbolik bleibt. Der wirtschaftlich-kulturelle Zusammenschluss „Euregio Maas-Rhein“ bekam zum 10-jährigen Bestehen 1986 einen massiven Gedenkstein und lädt bis heute gern in die Grenssteen-Taverne zu Vorträgen und Meetings. Vor der Europawahl 2024 gab es auf dem Berg Kundgebungen, zum Europatag am 9. Mai dieses Jahres kam einige EU-Prominenz, im Oktober machte die Initiative „Pulse of Europe“ eine Demo. In den 1980er Jahren sollte genau auf dem Dreiländerpunkt ein dreiteiliger Europa-Turm entstehen. Die edle Gemeinschaftsidee scheiterte indes an den Gebirgen dreierlei staatlichen Baurechts.

Ein paar Zehntausend BelgierInnen besuchen im Jahr den Vaalserberg, rund 100.000 Deutsche, aber eine Million aus den niederen Landen. Einmal auf den höchsten Berg kraxeln, das ist fast eine Lebensaufgabe für Menschen, die als maximale Erhebung sonst nur Dünen kennen.

Die Geografie beflügelte vor 15 Jahren Kino-Enthusiasten aus dem benachbarten Heerlen. Jedes Jahr laufen eine Woche lang in Kinos von Maastricht, Heerlen, Aachen beim Dutch Mountain Film Festival die absurdesten Dokumentationen über die Berge der Welt, die schönsten und verrücktesten Spielfilme zum Thema. „Der Berg symbolisiert die ungezähmte Natur, das Unerwartete, das Unkontrollierte“, schreiben die Organisatoren, „der Bergfilm erzählt visuell vom Kampf des Menschen mit der (vertikalen) Wildnis.“

Ein Kampf auch schon bei 322,5 Metern: Deshalb haben die Festivalfreaks die „Webcam Mt. Vaals“ bei der Berghütte Halverwege installiert. „Ab sofort können Sie selbst sehen, ob die Wetterbedingungen für Ihre Expedition günstig sind.“ Dazu gibt es gemeinsame, grenzüberschreitende Wandertouren während des Festivals, mal „Aachener Gipfelsteig“ genannt oder „Dutch Mountain Trail“, der „über Seven Summits“ führt, wo „die Höhenluft nie ausgeht“. Bei den Touren kann man zur Weinprobe bei den vielen Winzern der Gegend einkehren. Der Klimawandel hat das Skilaufen rund um den Vaalserberg gemeuchelt, aber die niederländischen Weine werden immer besser.

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