Wirtschaft: Fossile Shoppingtour mit Beigeschmack
Die EnBW beteuert, Klima und Umwelt schützen zu wollen. Trotzdem bezieht der Energieversorger noch Jahrzehnte lang fossiles Flüssiggas aus den USA. Von einem LNG-Lieferanten, der durch dubioses Geschäftsgebaren und Umweltverstöße auffällt.
Von Jürgen Lessat
Auf den ersten Blick klingt alles prima, was der drittgrößte deutsche Energieversorger in Sachen Nachhaltigkeit verkündet. „Die EnBW ist sich ihrer Mitverantwortung für die Umwelt bewusst. Bei unserem Handeln berücksichtigen wir insbesondere den Klimaschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und einen möglichst schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen“, heißt es aus Karlsruhe, wo das Unternehmen seinen Sitz hat. Im April veröffentlichte der Konzern passend dazu erstmals einen „Climate Transition Plan“. Auf knapp zwei Dutzend Seiten steht, wie die Transformation gemeistert werden soll. Etwa durch Zubau klimafreundlicher Alternativen. Seit 2012 hat die EnBW rund 20 Milliarden Euro in die eigene Energiewende investiert. Bis 2030 sollen weitere 40 Milliarden in Wind, Solar und Co. fließen, rund 90 Prozent davon in Deutschland.
„Unser Ziel: Aus der fossilen Stromerzeugung innerhalb der nächsten Dekade aussteigen und bis 2035 klimaneutral in Bezug auf unsere eigenen Emissionen werden“, beteuert EnBW-Vorstandschef Georg Stamatelopoulos. Doch bei genauem Hinsehen steht das Klimaversprechen auf tönernen Füßen. So will der Konzern schon ab 2028 keine Kohle mehr verfeuern. Die Großkraftwerke in Heilbronn, Deizisau und Stuttgart-Münster sollen durch Umstellung auf Erdgas („Fuel Switch“) sauberen Strom und Fernwärme produzieren. Ab 2026, wenn alle Brenner umgerüstet sind, sinken die CO2-Emissionen um rund 60 Prozent, verspricht die EnBW. Erdgas – der unersetzliche „Brückenbrennstoff“ in die klimaneutrale Energiewelt, so verkauft auch die Gaslobby ihr Geschäftsmodell.
Amerikanisches Fracking gilt als anfällig für Lecks
Doch für Kritiker:innen ist dies Greenwashing: Weil Methan als Hauptbestandteil von Erdgas eine besonders hohe Treibhauswirkung hat, dürften nicht nur die CO2-Emissionen am Schornstein eines Kraftwerks zählen. Vielmehr müssten auch die Emissionen zuvor eingerechnet werden, etwa der Austritt von Methan aus Lecks in Pipelines bei Förderung, Produktion und Transport. Diese können den Klimavorteil von Erdgas gegenüber anderen fossilen Brennstoffen marginalisieren, betont Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Berliner HTW.
Als besonders anfällig für Lecks gilt die Förderung von amerikanischem Fracking-Gas, das Deutschland nach dem Lieferausfall von russischem Gas verstärkt importiert. Zudem: Dieses Erdgas muss zunächst energieaufwändig auf minus 162 Grad gekühlt werden, bevor es verflüssigt als LNG (Liquified Natural Gas) mit Tankschiffen exportiert werden kann.
Im vergangenen Jahr summierten sich die deutschen LNG-Importe auf 7,1 Milliarden Kubikmeter, was knapp zehn Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland entspricht. Etwa 80 Prozent des LNGs stammten aus den USA, dabei handle es sich zu 88 Prozent um Fracking-Gas, berichtet die Deutsche Umwelthilfe (DUH) aktuell. Insgesamt haben sich die Gasimporte aus den USA in die EU seit 2021 von 22 auf 64 Milliarden Kubikmeter fast verdreifacht.
„Krebs, Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten“
„Für die Menschen, die in den USA in Regionen mit Fracking und Exportterminals leben müssen, hat das gravierende Folgen wie erhöhte Krebsraten, Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten sowie schadstoffbelastete Atemluft und Trinkwasser“, so die DUH. In unmittelbarer Nähe des texanischen LNG-Exportterminals Corpus Christi sei die Lebenserwartung beispielsweise bis zu 15 Jahre niedriger als in anderen Teilen der Stadt.
Allen Bekenntnissen zum Trotz ordert auch die EnBW riesige Mengen LNG. So kaufte der Konzern im Juni 2022 beim US-Unternehmen Venture Global LNG 1,5 Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr aus dessen Anlagen Plaquemines und Calcasieu Pass 2 in Louisiana (Kontext berichtete). Im Oktober desselben Jahres verkündeten die Partner, die Liefermenge auf zwei Millionen Tonnen pro Jahr aufzustocken.
Daneben wurden die Karlsruher mit Abu Dhabis Staatskonzern Adnoc einig. Anfang Mai unterzeichnete Peter Heydecker, Vorstand für „Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur“, einen Vertrag über 600.000 Tonnen LNG pro Jahr, lieferbar ab 2028. „Wir gehen damit den nächsten Schritt bei der Diversifizierung unseres Bezugsportfolios und dem Aufbau einer eigenen LNG-Wertschöpfungskette“, betonte Heydecker in einer Pressemitteilung. Fast wortgleich wurde auch der US-Deal begründet.
Parallel suchte die EnBW an deutschen Küsten nach Kapazitäten, das flüssige LNG wieder zu Gas zu verdampfen. Einig wurde man mit dem Hanseatic Energy Hub, einem in Bau befindlichen LNG-Terminal in Stade bei Hamburg. Im Dezember 2022 buchten die Karlsruher langfristige Importrechte in Höhe von drei Milliarden Kubikmetern. Im April 2023 sicherten sie sich weitere drei Milliarden Kubikmeter. Damit garantiert die EnBW knapp die halbe Auslastung der Anlage, deren Kapazität 13,3 Milliarden Kubikmeter jährlich betragen soll. Dabei mehren sich Stimmen, die vor LNG-Überkapazitäten auch angesichts sinkender Nachfrage warnen. In 2023 sank der Erdgasverbrauch in Deutschland auf 75,7 Milliarden Kubikmeter. Im Jahr 2021, vor Russlands Angriff auf die Ukraine, waren es noch 91,7 Milliarden Kubikmeter.
Lieferverträge laufen über 20 Jahre
Warum ging die EnBW dennoch auf LNG-Shoppingtour? Und warum laufen die Lieferverträge trotz aller Klimaneutralitäts-Versprechen so lange: mit Abu Dhabi bis 2043, mit Global Venture bis 2047? Schließlich bezieht die EnBW so mehr als zehn Jahre länger Flüssiggas, als sie in ihren eigenen Kraftwerken verfeuern will. Auf Nachfrage geht der Konzern nicht auf die Ungereimtheit ein.
Zwei Gründe sind denkbar. Erstens: Die EnBW will das Gas an eigene Kunden weiterverkaufen. Zweitens: Sie benötigt LNG, damit ihr „Climate Transition Plan“ überhaupt aufgeht. Denn ab 2035 will der Energieversorger in einem weiteren „Fuel Switch“ in ihren drei Großkraftwerken Erdgas durch Wasserstoff (H2), vorzugsweise grünen, ersetzen. Grün steht dabei für die klimaneutrale H2-Synthese mit erneuerbarer Energie.
Fraglich ist, ob zu diesem Zeitpunkt ausreichend grünes H2 verfügbar ist. Wohl deshalb liebäugelt die EnBW mit blauem Wasserstoff, der sich aus fossilem Erdgas gewinnen lässt. Dabei entsteht allerdings CO2 als Beiprodukt. Wird das CO2 aufgefangen und gespeichert (= CCS, Carbon Capture and Storage), gilt auch blauer Wasserstoff als klimaneutral.
Derzeit steht die CCS-Technologie erst am Anfang. Unumstritten ist auch sie nicht. „Einen effektiven Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels kann CCS nur leisten, wenn das eingelagerte CO2 dauerhaft und vollständig in den Speichern verbleibt“, betont das Umweltbundesamt. Durch Lecks kann es das Grundwasser und den Boden verunreinigen, warnt die Behörde.
Zuletzt weckt der amerikanische Gaslieferant Zweifel am Klimaversprechen: Venture Global gilt als aufstrebender Flüssiggas-Player, der mit geplanten 100 Millionen Tonnen LNG pro Jahr den Weltmarkt aufmischt. Gegründet wurde das Unternehmen 2013 vom früheren Investmentbanker Michael Sabel und dem Finanzanwalt Robert Pender. Erst Anfang 2022 ging mit Calcasieu Pass 1 die erste LNG-Anlage des Unternehmens in Betrieb. Über eine Pipeline bezieht die Anlage vorwiegend Fracking-Gas aus Texas. Zwei weitere Fabriken sind geplant.
Bürger dokumentierten rund 2.000 Betriebsstörungen
Um Geldgeber (darunter die Landesbank Baden-Württemberg) für den Bau der milliardenteuren Verflüssigungsanlagen im US-Staat Louisiana zu gewinnen, brauchten Sabel und Pender Kunden, die bereit waren, langfristige Verträge zu unterzeichnen. „Das führte dazu, dass sie Verträge zu einem Preis von etwa 1,75 Dollar pro Million britischer Wärmeeinheiten abschlossen, was etwa 60 Prozent des damals üblichen Preises entsprach“, so die News-Agentur Reuters.
Bei derart günstigen Konditionen griffen private wie staatliche Energiekonzerne aus aller Welt zu: neben der EnBW auch BP, Edison, Galp, Repsol, Shell, Orlen.Inzwischen liegen mehrere Kunden mit Venture Global über Kreuz. Der Vorwurf: Vertragswidrig sollen sie kein LNG aus Calcasieu Pass 1 geliefert bekommen haben. Stattdessen soll das LNG gewinnbringend an Dritte verkauft worden sein. „Demnach erzielte Venture Global auf dem Spotmarkt schätzungsweise 48,8 Millionen Dollar pro Ladung, was 29 Millionen Dollar mehr waren, als wenn diese Ladungen im Rahmen seiner Verträge geliefert hätte“, heißt es in einem Schreiben des Shell-Konzerns an die US-Aufsichtsbehörde FERC. Auf diese Weise hätte die Anlage bis Ende 2023 einen Umsatz von 7,6 Milliarden Dollar erzielt. „4,5 Milliarden Dollar mehr, als wenn sie es zu Durchschnittspreisen verkauft hätte“, lautet der Vorwurf.
Venture Global bestreitet das: Spotmarkt-Verkäufe seien berechtigt, solange die Anlage noch nicht im Testbetrieb laufe. Nach jüngsten Berichten soll der kommerzielle Betrieb im Februar 2025 starten. Die dreijährige Testphase gilt branchenintern als außergewöhnlich.
Schlagzeilen machte Global Venture LNG zudem durch Umweltverstöße. Zwei lokale Bürgerinitiativen dokumentierten allein im ersten Betriebsjahr von Calcasieu Pass 1 rund 2.000 Betriebsstörungen, die durch Abfackeln von Gas mit überhöhten Schadstoffemissionen einhergingen. Drei Monate lang hätte die Fabrik mehr Schwefeldioxid als erlaubt emittiert, ohne die Behörden zeitnah zu informieren.
Wie der LNG-Deal mit Venture Global im Detail aussieht, dazu schweigt die EnBW auf Nachfrage: „Die Vertragskonditionen sind vertraulich.“ Öffentlich machten Konzern und Lieferant lediglich, dass Plaquemines und Calcasieu Pass 2 (CP2) das LNG für die Karlsruher produzieren. Beide Anlagen verflüssigten Gas bislang nur auf dem Papier. Plaquemines befindet sich nach neuesten Berichten kurz vor der Inbetriebnahme. Der Bau von Calcasieu Pass 2 und einer dazugehörigen 137 Kilometer langen Pipeline wurde trotz Protesten der Bevölkerung im vergangenen Juni genehmigt.
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