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Windschief vernagelt

■ „Project 12“: Behinderten-Kunst zwischen exotischen Masken und Figuren

Manchmal ist die Welt eben wie vernagelt. Z.B., wenn alles Scharfe und Spitze vom Eßtisch verbannt ist, weil sich niemand im Hause irgendwelcher Gefahren aussetzen darf. Diese gutgemeinte Geste im Umgang mit behinderten Menschen hat freilich auch ihre absurden Seiten. Die Künstler aus dem luxemburgischen Wiltz haben dieser Anekdote Form gegeben: An ihrem Tisch-Objekt ist alles auf Nummer Sicher getrimmt, gibt es keine Kanten und Ecken, und die Löffel sind auf der Platte festgenagelt, schön ordentlich — und unbenutzbar.

Solche seltsamen, schön absurden Kunststücke bestimmen die Atmosphäre in der Ausstellung „Project 12“, die derzeit durch Europa reist. Nun macht sie im Übersee-Museum Station. Ab Sonntag und bis zum 27. August sind im ersten Stock des Hauses Gemälde, Skulpturen, Objekte und Zeichnungen von 58 Künstlern zu sehen, die als überwiegend geistig behindert gelten.

Damit setzt das Museum seine Arbeit fort, die auf eine stärkere „Begegnung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen“ zielt. Und eben nicht darauf, diese Kunstwerke als Sonderfall auszugrenzen, zumal inmitten der exotischen Masken und Skulpturen aus Übersee. Es geht eher um die Frage, was denn nun so fremdartig an diesen Bildern erscheint, „und welche Kriterien wir eigentlich an Kunst anlegen“, sagt Anke Bolduan vom Museum. Gerade unser eurozentrierter Blick auf die Kunst solle hinterfragt werden.

Mit unseren schön geregelten Kunstmaßstäben, an der akademischen Malerei vergangener Jahrhunderte geschult, kommen wir in dieser Schau eben nicht besonders weit. Wer „das gute Bild“ an seinem Naturalismus, seiner Abstraktion oder einer gekonnten Zentralperspektive mißt, darf hier das Sehen neu erlernen. Und da tut sich eine manchmal windschiefe, wild bewegte Wunderwelt auf; manchmal auch eine recht ordentlich sortierte, in der Menschen, Häuser und Autos Stoßstange an Schienbein aufgereiht sind. Total normal: fast wie im wirklichen, absurden Leben. tom

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