Wie man Freundschaft macht: Etwas Gift gehört dazu

Familien bröseln, Partnerschaften auch. Die "Freundschaft" ist der dritte Weg zu innerer Geborgenheit. Eine kleine Anleitung zur perfekten Freundschaft.

Perfekte Freundschaft - zumindest im Kino. Bild: ap

Eigentlich ist es ein Skandal. Da boomt die Beratungs- und Forschungsliteratur zur Paarbeziehung, zur Frage, wie Männer und Frauen am besten miteinander umgehen, dass es nur ja lange hält. Doch wer die Vergänglichkeit der Zweierpartnerschaft kennt und nicht in einer Großfamilie lebt, der oder die stellt sich die bange Frage: Was sind meine Freundschaften eigentlich wert? Vor allem, wenn ich mal krank bin, arbeitslos oder sonst nicht gerade der Renner auf allen Liebes- und sonstigen Märkten dieser Welt?

Eine teilweise Antwort liefern noch unveröffentlichte Werte aus dem Datenreport 2008 des Statistischen Bundesamtes. Danach gaben die Befragten an, bei Krankheit vor allem vom Partner und der Familie Unterstützung zu erwarten, von Freunden hingegen nur zu einem geringen Teil. Bei "Niedergeschlagenheit" und "persönlichen Problemen" wandten sich die Befragten schon eher an die FreundInnen und rechneten mit Hilfe und Beistand. Freundschaften sind danach weniger belastbar als Verwandtschaftsbeziehungen, wenn es ganz hart kommt.

Doch aus dem Datenreport ergibt sich auch, dass drei Viertel der Ledigen und Geschiedenen jemanden außerhalb ihres Haushaltes haben, auf dessen unentgeltliche Hilfe sie rechnen können. Auch wenn sich immer mehr Menschen scheiden lassen und die erwachsenen Kinder mitunter weit entfernt wohnen, gibt es "keine zunehmende Vereinsamung", sagt der Mannheimer Soziologe Christof Wolf im Gespräch mit der taz. Im Schnitt haben die Menschen 3,3 Freunde, zeigen Daten des Wohlfahrtssurveys 2001, neuere Werte gibt es leider nicht. Leute mit Abitur verfügen eher über enge Freunde als Hauptschulabsolventen.

"Freundschaft" gelte als "geheimer Begriff einer ins Neue vorstoßenden Gesellschaftstheorie", schwärmt der Soziologe Heinz Bude in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die sich mit dem Freundschaftsthema beschäftigt. Freundschaften sollen die Seele heilen, wenn eine Paarbeziehung zerbrochen ist und der Partnerschaftsmarkt allzu brutal und kalt erscheint.

"Freundschaftspraktiken" lassen sich auch als "antiheteronormativ verstehen, insofern sie das vorherrschende heterosexuelle Modell persönlicher Beziehungen mit seiner normativen Privilegierung zusammenlebender Ehepaare infrage" stellen, stellt die britische Soziologin Sasha Roseneil in der gleichen Zeitschrift fest.

Dabei werden auch an Freundschaften unter Erwachsenen neue Ansprüche an seelische Intimität gestellt. Diese emotionale Intimität kennt man ansonsten aus Teenagerfreundschaften besonders unter Mädchen, in denen oft dramatisch ausgehandelt wird, wer denn nun die "beste Freundin" sei und wie sich diese zu verhalten habe.

Doch wenn Freundschaften emotional so aufgeladen werden, dann ist das offene oder verdeckte Aushandeln von Regeln erst recht wichtig. Allen voran gelte die "Reziprozitätsregel", betont die Münchner Familiensoziologin Ursula Nötzoldt-Linden im Gespräch mit der taz, "es muss ein Austausch sein". Dieser Austausch erlaubt verspätete Rückerstattungen und auch Asymmetrien. In einer Freundschaft kann durchaus die eine die Dominante, Gesprächigere sein - bis zu einem gewissen Punkt, wenn diese Dynamik nicht mehr antreibend, sondern lähmend wirkt. Dann möchte man die geschwätzige Freundin oder den egozentrischen Jugendfreund lieber entsorgen. Von einem "Erlöschungspunkt", den eine Freundschaft haben könne, spricht der Soziologe Janosch Schobin in Mittelweg 36.

Jede Freundschaft habe "ein Thema", sagt Nötzoldt-Linden. Wenn dies ein gemeinsames Hobby ist, der zeitgleiche Berufseinstieg, die Männersuche, dann muss die Freundschaft häufig neu definiert werden, wenn dieses Thema seine Bedeutung einbüßt.

Die innere Bedeutung einer Freundschaft wird zudem durch "Marker" definiert. In "Lebenskrisen zueinander zu stehen, sich umeinander zu kümmern", sei ein wichtiger "Beziehungsmarker", der Freundschaften verbindlich erscheinen lasse, erklärt Nötzoldt-Linden. Auch Streits durchzustehen und trotzdem den Kontakt nicht abzubrechen wird zum "Marker", der eine höhere Belastbarkeit definiert.

Die meisten Freundschaften entstehen in jüngeren Jahren, sagt die Forschung. Freundschaften, die dann über Jahrzehnte und viele tausend Kilometer Entfernung hinweg gepflegt werden, gelten erst recht als bedeutsam. "Das ist aber auch eine Frage unserer Wahrnehmung", meint Soziologe Wolf, "Beziehungen, in die wir etwas Mühe und Arbeit investieren, gelten uns automatisch als wertvoller".

An Freundschaften ähnliche Verpflichtungen zu knüpfen wie an Familienbeziehungen, solche Funktionen könnten Freundschaften jedoch überfordern, warnt Wolf. Untersuchungen ergaben, dass in den Beziehungen zwischen Partnern und Verwandten sehr viel häufiger Konflikte ausgetragen werden als zwischen FreundInnen. Die lassen nämlich mitunter einfach nichts mehr von sich hören, wenn es unangenehm wird. FreundInnen muss man also auch ertragen können, ebenso wie Familienmitglieder und einen langjährigen Ehepartner. Die Weltnörgelei, das ständige Reden über sich, das subtile Heruntermachen - wer den Giftsack der FreundInnen nicht aushält, sollte bestimmte Projekte lieber lassen. Beispielsweise auch das Vorhaben, im Alter gemeinsam in eine Wohn- oder Hausgemeinschaft zu ziehen.

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