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Wie geht’s? – Muss! Im Hamsterrad gegen Windmühlen?

Wie viel man ertragen kann, ist individuell. Wie viel man ertragen muss, lässt sich ausverhandeln. Henry argumentiert in der taz-lab-Kolumne #9 für weniger Resilienz zugunsten der Solidarität.

Außerhalb des Hamsterrads kämpft es sich besser Foto: Ricky Kharawala auf Unsplash

taz lab | Die Umwelt soll resilienter werden, unsere Wirtschaft und unser Stromnetz sollen resilienter werden, unsere geistige Befindlichkeit soll gegenüber äußeren Einflüssen resilienter werden. Doch Resilienz – wenn man sie als Aus- oder Dagegenhalten statt als konstruktiven Umgang versteht – ist nicht solidarisch.

Denn wer mehr erträgt, lässt diejenigen zusammenbrechen, die weniger tragen können. Tatenlosigkeit muss man sich leisten können. Das Ablegen der so oft gelobten Resilienz fordert keine Übersensibilisierung oder Schwäche, sondern bedeutet, die eigenen Grenzen zu kennen und nicht zu überschreiten.

Wenn wir immer mehr ertragen wollen, sind wir im Hamsterrad des Sisyphos gefangen, welcher gegen Windmühlen kämpft. Dabei sollten wir uns mit der begrenzten Energie, die wir haben, zuallererst darum kümmern, die Last auf den Schultern aller (und der Umwelt!) zu verringern.

Es wird immer genug Arbeit geben, doch erstmals in der Geschichte haben wir genug Essen und Strom, um alle zu versorgen. Das Problem bleibt die Verteilung.

Aber: Wir dürfen fallen, wir dürfen uns aus der Ruhe bringen lassen, wir dürfen unter einer Last zusammenbrechen. Denn wie viel man ertragen kann, hat immer ein Limit. Ein gutes Leben verkraftet nur mittelviele Krisen – und ein resilientes System braucht vor allem ein dezentrales Netz(werk), was auffangen kann.

Resilienz als Trend macht uns weis, immer mehr inakzeptable Dinge hinnehmen zu müssen. Müssen wir aber gar nicht. Es muss nicht gehen. Denn: Ich kann nicht mehr. Also, ich kann, aber eben nicht mehr als das.

Widerstandsfähigkeit ist das eine, die Widerstände aufzulösen, das eigentliche. Daher brauchen wir ein neues Verständnis von Resilienz. Nicht als stoisches, tapferes Hinnehmen, sondern als proaktiven Aufruf, sich zu wehren.