Wie Frauen in Afrika führen: Reverse Leadership

Ich möchte erzählen von Frauen wie Marguerite Barankitse in Burundi, die riesige humanitäre Organisationen aufbauen und dabei lächeln.

Leadership ohne Druck, Hierarchie und Konkurrenz: Marguerite Barankitse in Kigali, Ruanda Bild: Tina Hillier

Von KATJA RIEMANN

Als ich im Jahr 2006 auf Projektreise im Ostkongo war, hatte ich die Ehre, einer 17-jährigen Schülerin ein Interview zu geben. In einer Garage. Für ein Kinderradio. Das Mädchen war gut vorbereitet, stellte interessante politische, gesellschaftsrelevante Fragen, sprach über humanitäre Arbeit, wollte wissen, ob ich der Hörerschaft erklären könnte, was die Aufgaben der L‘ambassadrice honorée Unicef seien und schaute mich während des Gesprächs konzentriert und fast humorbefreit an.

Ich fühlte mich unter Druck, wollte, typisch Schauspieler, ihr gefallen, wollte ein gutes Interview geben, noch dazu in Französisch, sodass sie gut dastehen würde. Als der 13-jährige Tontechniker das Aufnahmegerät in seinem Garagenstudio schließlich ausschaltete, war ich wie erleichtert und fragte sie, ob sie eine Idee hätte, was für einen Beruf sie ergreifen oder studieren wolle.

Sie antwortete ohne zu zögern: »Ich möchte Journalistin werden. Es ist noch ein weiter Weg zu gehen in diesem Land.«

»Du wirst wahrscheinlich die erste Präsidentin des Kongos werden«, sagte ich hingerissen von ihrer Ernsthaftigkeit und Klugheit.

Da lächelte das Mädchen und die Sonne ging auf.

Es ist möglich, eine starre, tradierte Situation zu bewegen

Ich hoffe, dass ihr Ehrgeiz und ihr Lächeln sie niemals verlassen haben, dass nicht irgendeine ungewollte Schwangerschaft dazwischengekommen ist oder die Ablehnung der Familie, eine Entführung, eine Vergewaltigung oder die völlige Unmöglichkeit, ein Studium des Journalismus zu finanzieren.

Aber ich bin ziemlich sicher, dass sie es geschafft hat, denn ich habe an anderen Orten des afrikanischen Kontinents Frauen getroffen, die den ganzen Weg gegangen sind, durch alle Imponderabilien hindurch, durch Konflikte und Gewalt; die Zeit durchstehend, als ihnen der Wind kalt ins Gesicht blies, Hand in Hand mit ihren Gefährten und immer im Blick, dass es möglich ist, eine starre, tradierte Situation zu bewegen.

Sie taten es voll Intelligenz, Eloquenz, Humor, Ideenreichtum, Energie, Freundlichkeit und Offenheit, sie gaben den Europäern die Hand, um ihnen bei der Bewältigung ihrer blutigen Geschichte zu helfen; absurd. Sie mussten besser sein. Müssen es immer noch. Sind unter Beweisdruck und man kann nicht verstehen, warum.

Als ich Aya Chebbi letztes Jahr in Berlin traf, eine junge führende Feministin, die zwischen Tunis und Addis Abeba lebt und arbeitet, sagte sie: Beendet das Narrativ über den Kontinent.

Burundische Frau im Geflüchteten-Camp Mahama in Ruanda Bild: Tina Hillier

Geschichten, die Vorbild und Inspiration sind

Ich besitze nicht die Intellektualität von Aya, aber ich kann Geschichten erzählen, die nicht nur Vorbild, sondern vor allem Inspiration sind, von Frauen, die riesige humanitäre Organisationen aufbauten und dabei lächelten.

Marguerite Barankitse, zum Beispiel. Aus Burundi in Ostafrika. Katholikin und Tutsi. Die an einem Ort namens Ruyigi das Maison Shalom aufbaute. Ausschlaggebend dafür war ein Massaker, das sie bezeugte, bei dem 72 Freund*innen und Kolleg*innen vor ihren Augen mit Macheten hingerichtet wurden. 25 Kinder hatte sie freikaufen können. Diesen wollte sie ein Haus bauen, in dem sie leben würden, in Frieden und Sicherheit, mit Bildung und Perspektive.

Es ist ihr gelungen.

1993 war das. Im Land war Bürgerkrieg. Bis 2005 dauerte der Krieg, in dieser Zeit gab sie 20.000 Kindern einen Zufluchtsort. Doch danach ging es selbstverständlich weiter. Sie baute Schulen, arbeitete mit europäischen Universitäten zusammen, die die jungen Menschen mit Online-Seminaren unterstützten, sodass sie die Aufnahmeprüfungen an landeseigenen oder ausländischen Universitäten bestanden. Sie baute ein Krankenhaus und ermöglichte Ausbildungen als Pflegepersonal und in allen denkbaren handwerklichen Berufen.

Als sie mit ihrer Arbeit begann, erklärte man sie für verrückt

Viele ihrer Kinder, wie sie all die bei ihr lebenden jungen Menschen nennt, arbeiteten nach ihren Ausbildungen weiterhin im Maison Shalom, um es immer weiter auszubauen. Es gelang ihr, die lokale Regierung in Ruyigi zu überzeugen, dass Männer und Frauen getrennt voneinander im Gefängnis einsitzen sollten und dass Kinder nicht ins Gefängnis gebracht werden, sondern man ein Resozialisierungszentrum und faire Prozesse benötige. Sie baute das Resozialisierungszentrum, das geöffnet war zu den nicht straffälligen Jugendlichen des Ortes, sodass sie einander kennenlernen würden und gemeinsam an Projekten teilnahmen.

Marguerite Barankitse, kurz Maggie, hatte mit 23 sieben Kinder adoptiert, sowohl Hutus als auch Tutsis. Als sie mit ihrer Aufbauarbeit begann, stieß sie ständig auf Widerstand, man sagte über sie, sie sei verrückt. Aber als sie mir das erzählte, lachte sie und meinte: den Verrückten hört man zu.

Ich weiß nun nicht, ob das für unsere Region auch gilt, aber offensichtlich ist sie damit sehr weit gekommen. Sie hat sich zumindest nicht davon verwirren lassen. Sie machte immer weiter, war voller Ideen, guter Laune und Zuversicht. Und wenn ich diesen Ort nicht selbst gesehen hätte, der sechs Stunden auf der Schotterpiste von Bujumbura entfernt liegt, der größten Stadt Burundis, dann würde ich es nicht für möglich halten.

Ein Mann wurde, ich weiß nicht von wem, auf sie angesetzt, dass er sie ermorden sollte. Sie fand das zügig heraus und statt sich davor zu fürchten, bot sie ihm schlichtweg einen Job an. Sie sagte zu ihm: Du hast doch auch eine Familie, wenn du bei mir arbeitest, dann hast du ein regelmäßiges Einkommen und kannst sie so versorgen. Das Argument war nicht zu schlagen, und so begann er, bei ihr als Fahrer zu arbeiten. Ich habe ihn kennengelernt, er ist ein strenger Mensch, der nun diese Frau beschützt, mit seinem Leben, statt ihres aus der Welt befördert zu haben.

Der Krieg kam zurück und alles wurde zerstört

Maggie hatte immer die Argumente, die Ideen und vor allem die Zugeneigtheit auf ihrer Seite, sie hat Verantwortung verteilt und es den damit Betrauten überlassen, selbstständig zu entscheiden, wie sie ihre Arbeit, ihr Projekt, ihre Ausbildung voranbringen wollen. So entstand ein Ort, eine Organisation ohne Druck und Angst, ohne Hierarchie oder wettbewerbliche Konkurrenz. Sie gab den Menschen Möglichkeiten, Türen zu Räumen zu öffnen, die sonst nicht nur verschlossen gewesen wären, sondern von denen man nicht einmal gewusst hätte, dass es sie geben könnte. Niemals hat sie bewertet oder verurteilt, niemals wollte sie Vergeltung oder Rache.

Während wir einen ganzen Tag über das Gelände wanderten, zeigte Maggie uns die Projekte strahlend und lächelnd; als wir sie zum Memorial des Massakers begleiten durften, weinte sie, während sie die Geschichte erzählte. Das Vergangene ist nicht vergangen, hat William Faulkner gesagt. Maggie hat nicht versucht, es vergehen zu lassen, es ist existent und der Motor für die Zukunft. Vor allem aber sind es die Menschen, die dort leben, studieren, arbeiten, die Anerkennung erhalten für das, was sie leisten und auch schlicht dafür, dass sie sind. Dass sie Teil des Maison Shalom wurden. Voll Respekt und Augenhöhe, ganz egal, ob du in der Küche arbeitest oder als Ingenieur. Verbunden werden sie durch Maggies Anwesenheit und die gemeinsame Vision, wie es gehen könnte.

Dann kam der Krieg zurück und alles wurde zerstört … 20 Jahre Arbeit, in denen 30.000 Menschen hier Sicherheit und Chancen fanden. Alles – weg.

Maggie floh mit ihren Liebsten ins Exil nach Ruanda. Dort hat sie wieder von vorn angefangen, das Maison Shalom Ruanda gegründet und kümmert sich nun um Geflüchtete.

Es waren Frauen, die aus dem Nichts den ersten Schritt wagten

Was ich bei ihr sah und lernte, erlebte ich auch bei Molly Melching im Senegal oder bei Katrin Rohde in Burkina Faso: Wenn man diesen Frauen sagt, es ist großartig, was du aufgebaut hast, dann antworten sie, das war nicht ich, das waren die Menschen hier, die mit mir arbeiten, sie haben all das gemacht, nicht ich.

Das ist nicht Koketterie, sie meinen es so, und ganz im Ernst – es ist die Wahrheit.

Diese Frauen haben Menschen miteinander verbunden, haben sie begleitet und nicht verlassen, haben inspiriert und ermutigt und daher motiviert. Es ist ein Unterschied, ob du für oder mit jemandem arbeitest. Es ist ein Unterschied, ob du dich verantwortlich für das Ganze fühlst oder einen Nine-to-five-Job hast.

Natürlich, ist dies immer nur eine Oase inmitten der Unerbittlichkeit des Drumherums, aber der Weg kann immer nur in Schritten gegangen werden, irgendwo muss man anfangen und es läuft sich wohl besser in der Gruppe als allein.

Was ich offensichtlich fand, egal, ob ich in Nepal, Rumänien, Burkina, Senegal oder Burundi war – es waren zumeist Frauen, die geradewegs aus dem Nichts den ersten Schritt wagten, die dem männlichen Wahn der Zerstörung hinterherliefen und begannen aufzuräumen.

KATJA RIEMANN ist seit 1999 als UNICEF-Botschafterin mit Hilfsorganisationen unterwegs. Über diese Reisen erschien von ihr nun der Band: „Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen.“ S. Fischer 2020 – 400 Seiten, 24 Euro

Katja Riemann Bild: Mirjam Knickriem / photoselection

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°14 erschienen