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Segensreich und gut: Das meint der Mann, dessen Ohrhaare nicht aufhören wollen zu wachsen
Von Uli Hannemann
In den letzten Jahren habe ich eine neue Superfertigkeit entwickelt: Meine Ohrhaare wachsen rasend schnell. Wo immer ich hinkomme, wollen kleine Kinder mit mir spielen, denn innerhalb kürzester Zeit bilde ich so eine Art Plüschohren aus, wie ein Teddybär. Dazu muss ich mich nicht mal besonders konzentrieren – das geht alles wie von selbst.
Fast stündlich entferne ich die Borsten, doch schon bald kann ich im Spiegel die neue Ernte bewundern: Dichte Büschel in der Muschelmitte zum Gehörgang hin. Außerdem oben auf dem Ohrwaschelrand die irre langen Tasthaare, die offenbar innerhalb weniger Tage um gleich mehrere Zentimeter gewachsen sind.
Ein Wunder der Natur, das ich mir auch selbst zunutze mache: So weiß kaum jemand, dass ich schon lange komplett kahlköpfig bin. Doch ich habe meine längsten Ohrhaare derart kunstvoll mehrere tausend Male kreuz und quer über den Schädel drapiert, dass es den Anschein einer echten Kopfhaarfrisur erweckt.
Und auch die Allgemeinheit soll davon profitieren. Denn wenn es mir gelingt, dieses extreme Wachstumspotenzial für den Ackerbau urbar zu machen, wäre der Hunger in der Welt so gut wie besiegt. Man müsste nur mein spezielles Ohrhaarwachstumsgen entschlüsseln, synthetisieren und in großen Mengen industriell erzeugen. Schließlich werden von dem Extrakt Millionen Hektoliter benötigt. Die Wüste soll blühen, und ich will meinen Teil dazu beitragen.
Ich werde nach Somalia fahren und den Leuten dort klarmachen, was für eine Riesenchance meine Superkraft bietet. Wir werden riesige Fabriken brauchen. Vielleicht helfen ja die Chinesen bei der Finanzierung, das dürfte sich auch für sie lohnen. Ich selbst will natürlich nichts. Die Gabe des explosionsartigen Ohrhaarwachstums hat mir die Natur geschenkt – da fordert es allein der Anstand, dass ich meine Expertise gratis weitergebe.
Wegen der Sprachbarrieren zeige ich abwechselnd auf meine dicht behaarten Ohren und auf die Wüste. Ich kauere mich am Boden hin, richte mich dann ganz langsam aus dieser Haltung auf, breite am Ende mit strahlendem Gesicht die Arme weit aus und stelle auf diese Weise pantomimisch Pflanzenwachstum dar. Dauert die Unterredung lange genug, können sie mit eigenen Augen den Fortschritt meines Ohrenbewuchses verfolgen. Dann verstehen sie den Plan auch besser. Didaktik ist so wichtig.
Die sensationelle Wuchskraft meiner Ohrhaare wäre in diesem Zusammenhang praktisch der Dünger. Man müsste nur noch alles gründlich wässern. Aber zum Glück kann ich da mit einer weiteren Altersbegabung dienen: Ich muss jetzt immerzu aufs Klo. Als ganztägig langsam tröpfelnde Natursprinkleranlage bin ich das ideale Feature für die Landwirtschaft.
Am besten, ich bleibe gleich für immer dort. Selbstverständlich pisse ich nicht einfach öffentlich aufs Feld, sondern diskret bei Nacht – da muss ich eh am öftesten. Wir sind ja nicht in Berlin, wo es selbst für Politiker und Prominente zum guten Ton gehört, am helllichten Tag auf die Straße zu urinieren, das ist mir schon klar. Auch und gerade als ehrenamtlicher Unterstützer sollte ich unbedingt die Sitten und Gefühle der Menschen vor Ort respektieren.
Übertragbare Ohrhaarwuchskräfte
Trotzdem werden die Somali anfangs misstrauisch sein. Ihr Argwohn ist absolut nachvollziehbar, denn wenn in der Vergangenheit weiße Oberchecker ins Land kamen, hat das nie Gutes gebracht. Kann sein, dass mir das deshalb in den ersten Tagen sogar ein paar Anfeindungen einbringt. Versteh ich echt total. Auch bin ich mir durchaus bewusst, dass mein Projekt der übertragbaren Ohrhaarwuchskräfte für konservativ denkende oder wissenschaftsskeptische Kreise abenteuerlich, ja beinah unglaubwürdig klingen mag. Da hoffe ich auf Partner mit Visionen im Interesse der Zukunft ihrer Kinder.
Aber ich kann auch nur Angebote machen. Lächeln. Kleine Geschenke bereiten. Beruhigend die Handflächen heben, um das Nichtvorhandensein verborgener Absichten zu demonstrieren. Stets mit offenen Karten spielen, ganz genau erklären, was ich vorhabe, wie das funktioniert, und auf jeden Fall ein paar Worte in der Landessprache sagen, zumindest Dinge wie „Bitte“, „Danke“, „Guten Tag“, „Ein Bier, bitte“ und „Wo geht es zum Bahnhof?“. Ich weiß selber, dass ich den mit Google Maps finde. Mir geht es hier aber um Kommunikation, um Nähe, um zwischenmenschlichen Kontakt. Denn auch so etwas schafft Vertrauen.
Die Kinder werden mich sowieso für meine Plüschohren lieben. Und wenn ich dann erst einmal länger da bin und überall wächst auf einmal Ananas und so, merken sie ja, dass ich einfach nur helfen will.
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