: Wenn es toxisch wird
Weibliche Solidarität klingt nicht nur gut, sie ist es auch. Es gibt aber auch das Gegenteil davon, gerade in Führungspositionen. Das behindert Frauen auf vielfache Weise
Von Simone Schmollack
Die junge Kollegin würde gern eine Stufe in der Hierarchieleiter nach oben klettern. Ich habe eine Chefin, denkt sie, eine Frau, die weiß, wie hart es ist, sich nach oben zu arbeiten. Sie wird mir helfen, in diesem Laden voller Männer weiterzukommen. Denn wenn Frauen solidarisch miteinander sind, sind sie stärker und überwinden (männliche) Grenzen.
Doch was so logisch und so schön klingt in diesem fiktiv-realen Beispiel, existiert in der Berufswelt vielfach leider nicht. Statt weiblicher Solidarität, Gemeinsamkeit, Sich-aufeinander-verlassen-Können herrscht vielfach das Gegenteil vor: toxische Solidarität. Diese wird vermehrt beklagt, seit es Frauen in höhere Führungsgremien geschafft haben. Und doch ist toxische Solidarität nicht immer leicht zu erkennen. Denn sie tarnt sich als Gemeinschafts- und Mitgefühl und kommt in Sätzen daher wie: „Bist du nicht zu sensibel für diesen Job?“ „Wolltest du dich nicht mehr um deine Familie kümmern?“ „Diese Aufgabe übernimmt Kollege Soundso, der kann das, der macht das schon seit Jahren.“ „Du wirst in deiner Abteilung dringend gebraucht, da kannst du jetzt nicht weg.“ Dahinter stecken weniger Fürsorge und Achtsamkeit, sondern Abwertung und Abwehrstrategien: Kompetenz wird infrage gestellt, Engagement untergraben, Erfahrung negiert. Früher wurde so etwas gern „Stutenbissigkeit“ genannt. Der vielfach preisgekrönte Film „Tár“ (2022) über die erste Chefdirigentin nimmt sich 2 Stunden und 38 Minuten Zeit, um toxische Solidarität und Machtmissbrauch durch eine Frau darzustellen. Die Hauptfigur Lydia Tár ist dabei Täterin und Opfer zugleich. Mit ihrer Omnipotenz und -präsenz fordert und überfordert sie sich und andere, die sie zudem unterwirft. Das wiederum hat mit der männlichen Welt zu tun, in der sich die hochangesehene Musikerin behaupten muss.
Denn Frauen in der Führungswelt sind ein relativ neues Modell. Und so schauen sich Frauen gern von Männern ab, wie man ganz nach oben kommt. An Männern sehen sie auch, wie sie sich verhalten sollten, um sich oben zu halten. Und doch können sie sich niemals sicher sein, es richtigzumachen: Verhalten sie sich wie typischerweise Männer, wird ihnen genau das vorgeworfen. Verhalten sich Frauen weniger „typisch männlich“, werden sie als nicht durchsetzungsfähig tituliert und der Führungsposition nicht gewachsen zu sein.
Sind sie oben angekommen, zahlen viele dafür einen hohen Preis: Verlust von Privatleben, Freizeit, Lebensqualität. Für diese Härte sich selbst gegenüber wollen sie einen Lohn: unangefochten bleiben. Es darf also keine andere Frau neben ihnen geben, keine, die womöglich besser ist und ihr sogar den Job streitig machen könnte. Dieses Verhalten, Konkurrentinnen fernzuhalten, nennt die feministische Wissenschaft Queen-Bee-Syndrom.
Und so umgeben sich viele Frauen in Führungspositionen eher vor allem mit Männern, das Symbol ist deutlich: Ich habe die männliche Welt begriffen, ich habe mich in ihr ganz nach oben geboxt, weil ich es kann. Damit reproduzieren Frauen hegemonial-männliche Strategien, von Männern gesetzte Machtgefüge und Hierarchien. Auch dafür gibt es einen feministisch-wissenschaftlichen Begriff: Gatekeeper. Man könnte auch sagen: Es ist ein Verrat an Frauen.
Toxische Weiblichkeit gibt es nicht nur in Toppositionen, auch in unteren Hierarchieebenen können sich Frauen gegenüber anderen Frauen schäbig verhalten. Ein Klassiker ist Erfolgsneid: Eine Kollegin macht ihre Arbeit überaus gut und erhält dafür viel Lob. Eine andere neidet ihr den Erfolg – und beginnt, gegen sie zu arbeiten. Sie verbreitet Gerüchte über sie, streut Fake News. Ihrer „Feindin“ gegenüber verhält sie sich allerdings ausgesprochen freundlich. Diese Dynamik ist zerstörerisch, denn sind Gerüchte erst einmal verbreitet, gibt es immer Kolleg:innen, die ihnen Glauben schenken.
Wie kann toxische Solidarität vermieden werden? Dafür gibt es von Expertinnen Tipps, so was wie: Als Chefin andere Frauen sichtbar machen, sie fördern, statt sie zu verhindern. Als Kollegin das Lästern vermeiden, die Opferrolle verlassen, Bündnisse mit anderen Frauen schmieden. Oder anders formuliert: Sich von Männern mal etwas Positives abschauen, nämlich wie man Netzwerke aufbaut und sich gegenseitig erfolgreich fördert.
Doch was in der Theorie so logisch wie leicht klingt, ist im Alltag schwer mit Leben zu füllen. Das setzt neben eigener emotionaler Stärke vor allem voraus, dass andere Frauen mitziehen. Die dann auch den Mut haben, sich mit Männern anzulegen.
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