: Wenn es in der S-Bahn etwas zu eng zugeht
Meine Rückfahrt von Potsdam nach Hamburg führt unweigerlich über den Berliner Hauptbahnhof. Ich nehme die S-Bahn und suche mir eine gemütliche Zweierbucht, denn vor mir liegen 37 lange Minuten Fahrt. So sitze ich am Fenster und schlage die Knie übereinander, damit ich mein Handy drauf balancieren und bearbeiten kann.
Leute steigen aus und zu, und plötzlich sitzt eine Frau neben mir. Sie lüpft kurz ihren Mantel und murrt: „Sie sitzen auf meiner Seite!“ Ich kann das nicht erkennen, sage aber „Oh, Entschuldigung“, und rücke etwas von ihr weg. Dabei behalte ich die Knie überschlagen, weil ich gerade was ins Handy tippe. Ich sage noch: „Ich bin leider ziemlich groß.“ Darauf sie: „Ich bin auch groß. Und so fett sind sie ja auch nicht.“
Berlin
3.685.300 Einwohner*innen.
Die Berliner Schnauze ist so berühmt wie berüchtigt. Bei einer weltweiten Umfrage unter Ex-Pats im vergangenen Jahr belegte Berlin in der Kategorie „Freundlichkeit“ den wenig ehrenwerten letzten Platz.
Autsch! Das Wort „fett“ sagt man nicht, schon gar nicht zu einer Fremden, denke ich. Die Frau sieht bürgerlich aus. Spricht man so in Berlin? Ist das der raue Ton der Hauptstadt? „Das finde ich etwas unhöflich“, verbalisiere ich mein Empfinden. Darauf sie: „Sie sind unhöflich, was Sie hier machen.“ Machen? Ich sitze doch nur. Aber ich will keinen Streit. „Darf ich bitte durch?“ Sie lässt mich. Dabei sage ich leise zu mir: „Ich bin keine Berlinerin – und das ist wohl auch gut so.“ Kaija Kutter
Die Engagierten stärken
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen