: Wenn der Waldfriedhof etwas zurückgibt
Der Ruhewald duftet nach dem Morgenregen. Auf einer Lichtung sitzen wir im Kreis. Die Mutter meiner Brüder war nach einem langen Leben gestorben. Ihre Kinder singen und sagen, was sie an ihr gemocht haben. Jammernd geleitet uns ein Dudelsack zum Grab.
Die Urne verschwindet im Loch. Alle werfen eine Schippe Sand hinterher. Aber ich habe nur Augen für die gelben Flecken im Herbstlaub. Pfifferlinge, mitten im Buchenwald? Nee, kann nicht sein. Sind bestimmt falsche.
Als Letzter trete ich ans Grab, schippe, blicke mich verstohlen um. Alle haben sich dem Rückweg zugewandt. Ein Griff nach unten – tatsächlich, ein Pfifferling! Schnell sind es zwei übervolle Hände. Der Regenschirm ist umgedreht ein fast perfekter Pilzkorb. Beim Anstieg sehe ich große alte Kiefern, 80 Meter entfernt, aber nah genug, um Pfifferlinge zu nähren. Den einen Steinpilz am Wegesrand nehme ich auch noch mit – und die beiden Champignons. Ergibt eine ordentliche Mahlzeit.
Eberswalde
41.481 Einwohner*innen und elf Friedhöfe, darunter zwei jüdische, zwei sowjetische und einer, der zu einer psychiatrischen Klinik gehörte.
Darf man das eigentlich, Pilze sammeln auf einem frischen Grab? Die anderen schauen jedenfalls eher amüsiert als ärgerlich. Sie kennen mich ja. Jan Kahlcke
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