: Was genau gibt sie denn preis?
Madonnas neues Album „Confessions II“ wird gefeiert als Rückkehr zur großen Form. Über weite Strecken klingen ihre Geständnisse gar nicht so aufregend
Von Juliane Liebert
Geständnisse sind nie leicht.
Das neue Madonna-Album, „Confessions II“, wird gerade als Rückkehr zu ihrer großen Form gefeiert. Neuer Teil ihres Kanons sei es, der Popphoenix aus der Asche. Hohe Bewertungen, durch die Bank: „8/10“ beim US-Internetmagazin Pitchfork, „4/5“ Sterne beim britischen Guardian und der Rolling Stone ist auch voll des Lobes …
Madonna ist eine Legende, die nach 20 Jahren zu ihrer wahren Stärke zurückkehrt. Man gönnt es ihr – nicht zuletzt, weil die Musikindustrie Frauen jenseits der industrieüblichen Verwertbarkeitsgrenze selten gut behandelt. Dennoch fragt man sich beim Hören, ob man das gleiche Album bekommen hat wie die Bejubelnden.
Klar, Madonna ist wieder im Club, Madonna arbeitet wieder mit dem richtigen Produzenten – in diesem der Brite Fall Stuart Price, der schon „Confessions on a Dance Floor“ produzierte. Und: Madonna klingt wieder ansatzweise nach Madonna – der Madonna, nach der man sich zurücksehnt, während die Welt im Chaos versinkt. Aber wenn da nicht „Madonna“ draufstünde (und Popkritik nicht inzwischen oft eher Statusmeldungen bewerten würde als Musik), würde dieses doch eher mittelmäßige Trance-House-Pop-Wannabe-Taschenfeuerwerk derart gefeiert werden?
„Confessions on a Dance Floor“ war 2005 ein Rückverweis auf Disco und Madonnas eigene Clubmythologie – „Confessions II“ ist nun ein Rückverweis auf den Rückverweis, auf House und frühen Neunziger-Trance und die inzwischen museal gewordene Idee von Clubs als Heilsversprechen. Das ist an sich tröstlich, aber in der ersten Hälfte des Albums sind die Songtexte leider schlicht seelen- und inspirationsloses Gefasel an der Grenze zum Unsinn.
Madonna erklärt einem alle zwei Zeilen, dass sie es liebt, in den Club zu gehen und zu tanzen – dass wir auch alle tanzen gehen sollen und die Euphorie von Tanzen in einem Club die ultimative Freiheit, Ekstase und der eine wahre Sinn ist.
„One Step Away“ beginnt mit einer, uh, tiefphilosophischen Abhandlung. „People say dance music is superficial“, erklärt Madonna. Wer sagt das? Friedrich Merz? „But they got it all wrong“ – niemand hat in den letzten 30 Jahren ernsthaft behauptet, Dance-Music sei oberflächlich. Oder, aus „Everything“: „I try to ascend / It‘s my spiritual healing“ – Okay? Ist das ein Ayahuasca-Newsletter, den der Spamfilter nicht erwischt hat?
Andere Zeilen sind unfreiwillig komisch. „I can make moves on the dance floor / I can make love on a man’s floor“. Meint sie seinen Pelvis?
„Danceteria“, ein Track über den berühmten New Yorker Club, in dem Madonnas Kariere begann, ist dann etwas weniger Phrase, weil sie darin konkrete Erlebnisse beschreibt, und auf der zweiten Hälfte des Albums verleihen drei persönlichere Songs den Geständnissen etwas mehr Tiefe – „Fragile“ ist ihrem verstorbenen Bruder Christopher gewidmet, „The Test“ singt sie gemeinsam mit Tochter Lola Leon über deren schwieriges Verhältnis zueinander, und „L.E.S. Girls“ fällt klanglich völlig heraus und hat fast etwas wie Persönlichkeit.
Aber abgesehen davon bleibt das Album musikalisch über weite Strecken generisch. Ein wenig EDM, ein bisschen UK-Garage. Sprechgesang, Breakbeats, aber die Arrangements sind spannungslos, die Drops vorhersehbar, und es gibt keine einzige Hookline, die einem auch nur bis zum nächsten Song im Gedächtnis bleibt.
Das ist kein guter Pop, kein guter House, von Trance ganz zu schweigen. Da hilft es nichts, sich mit allen Wassern der Populärkritik zu waschen und sich beide Augen und Ohren zuzuhalten und heftig zu den sich stetig erneuernden Göttern des Pop zu beten: Aber sie ist doch eine Ikone! Ja, es klingt besser als bei ihren letzten zwei Alben. Und? Nach zwei Tagen Magendarm ist der Stuhlgang am dritten Tag meistens auch weniger flüssig. Gerade bei Spätwerken großer Popstars entsteht häufig eine dankbare Milde in der Rezeption.
Zudem fragt man an sich: Was meint eigentlich „Confession“? Confessional Pop Music? Was beichtet sie denn? Lily Allens letztes Album „West End Girl“ war tatsächlich confessional, ob man das nun gut oder peinlich fand – insofern, als sie sich (und ihren Ex) bloßgestellt hat, inklusive mit Kondomen vollgestopfter Einkaufstaschen, Buttplugs und heimlich gelesener Kurznachrichten. So genau will man es zwar nicht unbedingt wissen, aber: Was genau gibt Madonna preis? Dass sie House mag? Dass Sean Penn in den Achtzigern zu schnell Auto fuhr?
Madonnas Verdienste in der Popgeschichte, in Mode, Körperpolitik und Selbstinszenierung sind beispiellos, aber gestanden wird hier wenig Aufregendes, und Nostalgie allein trägt kein überlanges Album.
Madonna: „Confessions II“ (Maverick/Warner)
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