Wanderkino feiert Jubiläum: Das Kino ohne festen Wohnsitz

Filmfestivals gibt es viele – und dann gibt es noch Moviemiento, das sich seit zehn Jahren immer wieder auf Reisen begibt. Am Wochenende wird gefeiert.

Moviemiento, Kino mal anders. Bild: dpa

„Im Grunde passt das nicht zusammen: der Kurzfilm und das Roadmovie“, überlegt Janosch Dietrich an einem lauschigen Sommerabend auf dem Bürgersteig vor einem der zahllosen Cafés in Prenzlauer Berg. Umherirrende Tramps auf der Suche nach Freiheit und Glück – solch ein langwieriges und für Roadmovies typisches Szenario, das kann man einfach nicht in weniger als den dreißig Minuten entfalten, die höchstens in einen Kurzfilm passen. Also kamen Dietrich und eine Handvoll Mitstreiterinnen auf die Idee, es einfach andersherum zu verbinden. Sie liebten Kurzfilme, sie liebten es, zu reisen. Wie wäre es also, dachten sie, wenn man Kurzfilme einfach selbst auf die Reise schicken würde? Wenn man die Kultur zu den Leuten brächte, anstatt darauf zu warten, dass die Leute zur Kultur kommen?

Es war der Sommer 2002. Janosch Dietrich wollte sich ohnehin gerade einen Bus kaufen, und die Idee zu Moviemiento, einem Kurzfilmfestival „on the road“, war geboren. Damals, so erzählt er, waren sie gerade mal fünf Studierende, der Fördertopf, auf dessen Gelder sie hofften, löste sich bald auf. Und kurz danach auch die Idee mit dem Bus. „Damals gab es noch keine Billigfluglinien und wir hatten uns gerade erst unsere ersten Mailadressen eingerichtet“, sagt er mit einem wehmütigen Lächeln. Als wolle er sagen, dass ihm das alles bis heute wie ein großes Wunder vorkommt.

Ein Jahr darauf nämlich hatten Janosch Dietrich und die anderen dann doch einen Bus gefunden. 2003 ging es also richtig los mit Moviemiento. Aus 250 Zusendungen suchten sich Dietrich und seine Mitstreiter zehn Kurzfilme aus. „Es war ein Jahrhundertsommer“, erinnert er sich. Sie zeigten die Filme umsonst und draußen, vor jeweils 300 bis 600 Zuschauern auf prominenten und weniger prominenten Plätzen in Städten in Deutschland, Holland, in der Schweiz, in Spanien und Kroatien.

Seit zehn Jahren ist das reisende Kurzfilmfestival Moviemiento mit Heimatadresse Berlin nun unterwegs. Was gefeiert wird. Vom 14. bis 16. Juni mit Musik, Theater und natürlich Kino im Funkhaus Grünau, Regattastraße 277.

Das beim Fest aufgeführte ägyptische Theaterstück "A Plastic Dream" ist auch am Donnerstag, 20 Uhr, im Heimathafen Neukölln zu sehen und nochmals am 19. Juni, 22 Uhr, im Amphitheater Mauerpark. Info: www.moviemiento.org

Wegen eines kleinen Sponsorings tranken die inzwischen zehn StudentInnen unterwegs vor allem Red Bull, lebten ansonsten von ein bisschen Unterstützung wie der des Goethe-Instituts – vor allem aber vom Getränkeverkauf an den improvisierten Bars. Geschlafen wurde auch mal in besetzten Fabriken.

Man kann sich gut denken, dass sich diese Kulturnomaden, wie sie sich selbst bis heute nennen, als direkte Erben von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters fühlten. Die fuhren nämlich schon 1964 mit einem Bus quer durch die USA. Allerdings brachten sie weniger Kultur, sondern eher LSD unters Volk. Das Konzept von Moviemiento jedenfalls, Filme unter Menschen zu bringen, ging auf.

Traum, Utopie, Realität

Und das Konzept entwickelte sich weiter. Mit einem versonnenen Blick denken Janosch Dietrich und Schirin Sahaed, seit 2008 beim Team dabei, an die vielen Projekte und Festivals, die auf den ersten Sommer in schönster Hippie-Tradition folgten. Von Jahr zu Jahr ging es um weit mehr, als „nur“ mit Kurzfilmen zu reisen. Da war etwa 2008 „Moving Baltic Sea“, als sich eine internationale Crew mit dem Segelboot über die Ostsee von Danzig bis Kaliningrad bewegte, Filme zeigte, aber vor allem in vielen Workshops zu Umweltthemen arbeitete. Oder das Festival „Le Rêve Roulant“ im Jahr 2009, bei dem Moviemiento mit Kleinkunst und Filmen zu den Themen Traum, Utopie und Realität durch Südfrankreich tourte.

„Vielleicht ist es vor allem die Idee, Kultur nicht nur an schöne Orte zu bringen, sondern auch an jene, wo sie normalerweise nicht hin kommt“, sagt Dietrich und versucht, dies am Beispiel von „Cinecita“ zu erklären, einer Moviemiento-Tour durch die Anden, durch Ecuador, Peru und Bolivien im Jahr 2010. In den meist abgelegenen Bergdörfern entlang der Strecke forderte die Crew – diesmal gemeinsam mit Partnern aus Lateinamerika – junge Frauen auf, in einwöchigen Videoworkshops ihre eigenen kurzen Dokumentarfilme zu produzieren.

Diese Filme wurden dann immer nach dem regulären Programm gezeigt. Und sie kamen viel besser an als die anderen Filme, die das Team sonst im Gepäck hatte. Kaum vorstellbar: Viele dieser jungen Frauen mit indigenem Hintergrund hatten noch nie zuvor eine große Leinwand gesehen. Und nun bekamen sie zum ersten Mal im Kino Geschichten erzählt, die sie sie selbst aus ihrem eigenen Leben sehr gut kannten.

Doch blieb es nicht bei diesem Aha-Erlebnis. Das Team von Moviemiento wäre nicht das Team von Moviemiento, wenn sie sich so leicht hätten verabschieden können. Ein Jahr nach der Anden-Reise gelang es ihm, Mitglieder des lateinamerikanischen Teams nach Deutschland zu fliegen und mit ihnen zum Thema der Nachhaltigkeit „kultureller Entwicklungshilfe“ zu arbeiten. Schon damals wussten Janosch Dietrich und Schirin Sahaed: „Cinecita“ wird eines ihrer liebsten Projekte bleiben – auch, wenn sie bis heute mit insgesamt 20 Partnerorganisationen in 16 Ländern gearbeitet haben.

Eine nächste tolle Idee

Bei ihrer Erzählung von Projekten und Reiseanekdoten lehnen sich Janosch Dietrich und Schirin Sahaed einen Moment zurück im Café in Prenzlauer Berg. Sie atmen durch. Ja, sie haben oft am Rande des Nervenzusammenbruchs gearbeitet. Niemand bei Moviemiento bekommt seine Arbeitsstunden bezahlt, und alle machen „nebenher“ Jobs, um lästige Rechnungen und Lebenshaltungskosten zahlen zu können. Oft passiert es, sagt Schirin Sahaed mit einem bedauernden Seufzer, dass Leute abspringen, weil sie einfach nicht mehr können, weil es zu viel ist. Aber dann hat schon wieder der Nächste eine tolle Idee. Die Selbstausbeutung ist vergessen, man stürzt sich einfach so hinein. So wie in diesem Jahr.

In diesem Jahr nämlich feiert Moviemiento seinen zehnten Geburtstag, ein ganzes Wochenende lang mit DJs, Performances und Konzerten. Außerdem sind zehn Mitglieder des Teams schon im Frühjahr nach Ägypten gereist. Dort begannen sie, gemeinsam mit dem Ensemble Atelier El Mashra, an einem Stück zu arbeiten. Vor drei Jahren hatten die jungen ägyptischen Schauspieler dieses Ensembles auf dem Tahrirplatz für ihren Traum gekämpft. Heute haben sie mehr Freiheiten gewonnen, sind aber auch mit großen Unsicherheiten konfrontiert.

In der Zusammenarbeit mit den Berlinern und den Sorgen und Nöten entwickelten die Ägypter interessante Fragen. Zum Beispiel die: Heißt Freiheit immer auch Angst? Und die: Gibt es einen freien Ort, an dem man ohne Angst leben kann? Davon handelt ihr Stück „A Plastic Dream“, das nicht nur beim Moviemiento-Fest zur Aufführung kommt, sondern auch im Heimathafen Neukölln. Und einmal, in schönster Moviemiento-Tradition, umsonst und draußen im Mauerpark.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de