Wahlkampf von unten: Drei Runden über Demokratie reden

Bei der Berlin Agora im Kulturhaus Radialsystem darf bis zur Abgeordnetenhauswahl jeder Debatten anzetteln. Zuhören gehört dazu, meinen die Teilnehmer und halten sich daran.

Das Vorbild für das Radialsystem : Athen Bild: Foto: reuters

Stell dir vor, du wachst in Berlin auf und lebst in einer echten Demokratie. Was passiert an diesem Tag? Diese Frage stellten sich am Samstag etwa 20 Besucher im Radialsystem V an der Spree. "Wir wissen nicht, was hier heute passieren wird", sagt Frauke Godat vor der Veranstaltung. Zusammen mit dem internationalen Netzwerk "Art of Hosting" hat sie die Versammlung initiiert. Es gehe darum, Führungskonzepte zu hinterfragen und auf Augenhöhe zu diskutieren.

Die Diskussion ist Teil des Projekt "Berlin Agora". In den Monaten vor der Abgeordnetenhauswahl stellt das Kulturhaus Radialsystem einen öffentlichen Raum am Spreeufer zur Verfügung. Jeder könne dort zu Diskussionen einladen, die einem wichtig seien, erklärt Projektleiterin Tina Gadow. Ganz so wie im alten Griechenland, in dem "Agora" den zentralen Platz einer Stadt bezeichnete, auf öffentliche Debatten stattfanden.

Auf dem offen Deck des Radialsystems geht es am Samstag um drei Fragen. "Wie wünsche ich mir echte Demokratie oder wo habe ich sie schon einmal erlebt?" lautet die erste. Es gibt fünf Tische, an denen sich Menschen unterschiedlichsten Alters treffen. Die Leute hören einander zu. Sie unterbrechen sich nur selten. "Ich habe in Birma in einer buddhistischen Gemeinschaft schon einmal echte Demokratie erlebt", erzählt einer der Besucher. Wichtig sei es, Dinge nicht vorzuverurteilen. Initiatorin Godat nimmt selbst teil: "Eine echte Demokratie muss lebendig sein."

Dann ertönt eine Glocke. Die Teilnehmer wechseln die Tische, die Gruppen mischen sich. Unterschiedlichste Charaktere diskutieren miteinander. Es gibt sogar einen englischsprachigen Tisch. Jeder soll teilnehmen können. In der zweiten Runde geht es um die Frage, welche Fähigkeiten jeder einbringen kann, um eine echte Demokratie zu entwickeln: "Man muss einander zuhören können", meint eine junge Frau. Sie könne Konflikte und Streitigkeiten auf eine ruhigere Ebene zurückholen, erzählt sie. Auch Konfliktfähigkeit an sich sei wichtig, ergänzt ein anderer.

Ein zweites Mal ertönt die Glocke. Die Teilnehmer suchen sich eine neue Gruppe. Man tauscht Erfahrungen aus. "Was braucht es noch, damit sich echte Demokratie entwickeln kann?" "Demokratie muss im Kleinen anfangen, etwa im Kindergarten oder in der Schule", meint Lotta Wulk. Sie beschäftige sich auch außerhalb der Veranstaltung mit dem Thema: "Ich finde, dass Verantwortung eine große Rolle spielt."

Erneut klingelt es. Nun bekommt jeder die Chance, sein persönliches Ergebnis vor der Gruppe zu präsentieren. Ein Gesamtergebnis gebe es heute nicht, stellt später die Projektleiterin fest. Dennoch ist Tina Gadow zufrieden. "Jeder hat etwas für sich mitgenommen." Viele Teilnehmer äußern sich schon erfreut darüber, dass die Berlin Agora seit zwei Monaten gibt.

Verschiedenste Gastgeber haben bereits Versammlungen angemeldet und durchgeführt, erzählt Gadow. Im Schnitt seien bisher 50 bis 80 Personen gekommen. "Aber entscheidend ist nicht wie viele Leute kommen. Eine interessante Debatte ist auch bei fünf Leuten möglich", sagt Gadow. Von Einzelpersonen über Bürgerinitiativen bis hin zu Stiftungen. "Wir haben gemerkt, dass die Menschen, die die Versammlungen organisieren, sich sehr verantwortlich dafür fühlen und auch motiviert sind, weiterzumachen", fasst sie zusammen. Wird das Experiment "Berlin Agora" also auch nach der Wahl fortgesetzt? "Wir können und wollen es nicht selbst entscheiden. Wir werden das Projekt erst einmal auswerten und Rückmeldungen abwarten. Grundsätzlich finden wir die Idee aber nicht schlecht." Die Menschen, die am Samstag das Radialsystem besuchten, wohl auch nicht.

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