Wahlanalyse Hessen: Schlechte Nachrichten für Bundes-SPD

Der Absturz der SPD in Hessen hatte vor allem regionale Gründe. Aber nicht nur: Laut Wahlanalyse trauen Bürger CDU und FDP in der Krise mehr Wirtschaftskompetenz zu.

Ypsilanti plus eine Partei mit wenig Wirtschaftskompetenz: TSG hat es wahrlich nicht leicht gehabt... Bild: dpa

Die Hessen haben am Sonntag vor allem nach landespolitischen Aspekten gewählt. Für 74 Prozent der Wähler war laut infratest dimap die Landespolitik wichtiger als die Bundespolitik. 2008 waren es 69 Prozent gewesen. Diese Zahl dürfte im Berliner Willy-Brandt-Haus mit Erleichterung zur Kenntnis genommen werden: Sie stützt die SPD-Lesart, dass das desaströse Wahlergebnis vor allem ein Ereignis mit regionalen Ursachen war - und keine Quittung für die verzagte Bundespolitik.

Diese Deutung stützt noch eine andere Umfrage. Für 69 Prozent der Wähler war die SPD in Hessen nach ihrem Zickzackkurs gegenüber der Linkspartei nicht mehr glaubwürdig. Die meisten Wähler verlor die SPD an die Grünen (122.000), jeweils rund 30.000 wanderten zu FDP und CDU ab, 8.000 zur Linkspartei. Doch der wesentliche Grund für das SPD-Debakel war, dass 192.000 SPD-Wähler aus Enttäuschung über Ypsilanti & Co dieses Mal zu Hause blieben.

Also alles nur hausgemacht? Nicht ganz. Es gibt auch Daten, die zeigen, dass der Absturz der hessischen Genossen auf 23,7 Prozent auch mit der politischen Großwetterlage zu tun hat. Denn anders als 2008 war Wirtschaft das entscheidende Thema für die Wähler. Für 40 Prozent der Hessen war die Ökonomie ausschlaggebend, für 30 Prozent Bildung. Andere Themen, wie Gesundheit, Integration oder Familie, spielten kaum eine Rolle. Dies ist wohl keine hessische Besonderheit. Es lässt sich durchaus als Folie für das Wahljahr 2009 lesen: Entscheidend wird sein, wem die Wähler in der Krise mehr Wirtschaftskompetenz zutrauen. Das fulminante Ergebnis der FDP und das stabile der CDU gründet auch darin, dass die Wähler Wirtschaftskompetenz eher dem bürgerlichen Block als der SPD zugeschrieben haben.

Bei den Wählern hat sich in den letzten Monaten die Einschätzung ihrer eigenen ökonomische Lage drastisch verändert. 2008 hielten noch 60 Prozent ihre wirtschaftliche Lage für gut, jetzt glauben dies nur noch 36 Prozent. Diese veränderte Motivlage kam CDU und FDP zugute. Das muss, trotz allen hessischen Besonderheiten, die Bundes-SPD beunruhigen.

Die meisten Wähler verlor die SPD in Hessen bei Angestellten und Beamten (minus 18 Prozent) sowie bei höher Gebildeten (minus 16). Unverändert stark blieb sie - mit 34 Prozent - nur bei den Arbeitslosen. Bei den Arbeitern waren die Verluste der SPD mit 10 Prozent zwar knapp unterdurchschnittlich. Doch der Blick auf das Votum ihrer ehemaligen Stammklientel ist für Sozialdemokraten mehr als ernüchternd. Nur 25 Prozent wählten SPD, 40 Prozent CDU. Dieses Resultat ist extrem - gleichwohl liegt es im langfristigen Trend. Die Sozialdemokraten verlieren seit drei Jahrzehnten bei Bundestagswahlen kontinuierlich Stimmen bei den Arbeitern.

Die CDU dürfte auf eine detaillierten Analyse der Wahl ebenfalls mit gemischten Gefühlen blicken. Ihre größten Zuwächse verzeichnet sie bei Arbeitern (plus 4) und Selbstständigen (plus 6 Prozent). Bedenklich für die CDU-Strategen ist indes, dass nur die Hälfte der katholischen Wähler für die CDU votierte - so wenig wie noch nie. Am meisten Stimmen verlor die Roland-Koch-Partei in ihren katholisch geprägten Hochburgen in Osthessen. Dies ist ein weiteres Indiz für die langsame, aber stetige Auflösung der Bindung der Traditionsmilieus an die Volksparteien.

Bei den Sozialdemokraten ist dies schon geschehen - die Christdemokraten haben es noch vor sich.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de