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■ Elektro-Pioniere und Ex- „Sound-Piraten“: Young Gods im SO 36

Mitte der achtziger Jahre noch war es allgemein nicht üblich, jenseits moderner Avantgarde-Komponisten wie Goebbels oder Stockhausen mit elektronischen Klangerzeugern etwas anderes als recht freundliche Popmusik zu machen. Doch dann erleichterte der Sampler urplötzlich das Programmieren und erweiterte vor allem die Klangmöglichkeiten. Alle denkbaren Geräusche, waren sie erst mal aufgenommen und gespeichert, konnten nun auch von technischen Laien verwendet, verfremdet und weiterverarbeitet werden. Und die Young Gods nutzten die Gelegenheiten.

Das Genfer Trio, das sich nach einem Song der Noiserock- Helden The Swans benannt hatte, mutierte schnell zum Erneuerer des Elektro-Pop, weil der sich in seiner glamourösen Pose, begründet von Human League, ABC oder Heaven 17, gefiel. Anstatt wie andere ihren Maschinen gutverdauliche Töne zu entlocken, verwendeten sie Schnipsel von Schönberg und Mozart ebenso wie von Prince oder Billy Idol. Diese wurden durch ständige Wiederholung zu harten Rhythmen geformt und so manipuliert, daß das Ergebnis mit dem Ausgangspunkt nur noch sehr wenig gemein hatte.

Ihre Musik war primitiv wie Heavy Metal, aber trotzdem digital; roh und unbehauen wie Punk, aber doch eine Kopfgeburt; rhythmisch wie Funk, aber ohne jede menschliche Wärme. „Es ist das erste Mal, daß Tschaikowsky und Liszt zusammen ein Gary-Glitter-Stück spielen“, beschrieb es Sänger Franz Treichler. Sie selbst bezeichneten sich zu der Zeit als „Sound-Piraten“, räumten bereitwillig ein, zu stehlen und „Recycling-Musik“ zu machen. Sie konnten nicht wissen, daß nur zehn Jahre später alle großen Plagiats-Gerichtsgefechte geschlagen sein würden. Heute hat ihre Art, Musik herzustellen, den unangenehmen Mief des Diebstahls längst verloren.

Ihnen selbst blieb der große Erfolg immer versagt. Das hatte zum einen sicherlich mit ihrer Herkunft zu tun, denn wer erwartet schon aus dem popmusikalischen Ödland Schweiz derartige Innovationen? Zum anderen waren die Young Gods auch einfach immer viel zu sperrig, zu viele Dinge explodierten in ihren Songs und in den Köpfen der Hörer, als daß ein Massenerfolg wie bei ihren Landsleuten von Yello möglich gewesen wäre.

Doch in den letzten Jahren sind auch die drei Genfer ruhiger geworden, das wilde Delirieren wurde immer öfter zu einem fiesen Schaben, und 1991 spielten sie sogar eine ganze Platte mit ihren Versionen von Kurt-Weill-Liedern voll. Auch ihre aktuelle Veröffentlichung „Only Heaven“ pluckert vorzugsweise ruhig dahin. Eher abgründige Stimmungen sind inzwischen ihr Thema, und manchmal, aber wirklich nur manchmal, erinnert die Stimme sogar an das weihevolle Organ von U2s Bono. Daß die Young Gods einmal da landen würden, war ganz gewiß nicht zu erwarten. Thomas Winkler

Heute, 22 Uhr, Young Gods/Econoline Crush, im SO 36, Oranienstraße 180, Kreuzberg

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